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Abschied nehmen: Den Garten des Lebens ausmisten

  • Autorenbild: Lisa Gutzelnig
    Lisa Gutzelnig
  • 11. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Das Leben gleicht einem Garten – lebendig, vielschichtig und ständig im Wandel. Was wir heute säen, zeigt sich oft erst Wochen, Monate oder sogar Jahre später in voller Blüte. Manche Pflanzen wachsen kräftig und mühelos, andere brauchen Geduld, Aufmerksamkeit und Fürsorge. Jeder Gedanke, jede Entscheidung und jede Erfahrung kann wie ein Samen wirken, den wir in den Boden unseres Lebens legen. Ob daraus ein Ort der Fülle, der Ruhe und der Schönheit entsteht oder ein verwildertes Stück Land, liegt zu einem großen Teil in unserer eigenen Hand. Doch wie in jedem Garten gibt es auch im Leben Phasen des Wachstums, der Ruhe und der Erneuerung – Zeiten, in denen scheinbar nichts geschieht, während unter der Oberfläche bereits Neues entsteht.


Eine Blume fragt nicht, ob sie wachsen darf. Sie folgt einfach dem Licht. Foto: Shutterstock
Eine Blume fragt nicht, ob sie wachsen darf. Sie folgt einfach dem Licht. Foto: Shutterstock

Wer lernt, seinen eigenen Garten achtsam zu pflegen, entdeckt darin nicht nur die Verantwortung, sondern auch, wie befreiend eine gesunde Radikalität im eigenen Garten des Lebens sein kann.

Der eine entscheidet sich dafür, in seinem Garten Nutzpflanzen anzubauen, um Tomaten, Gurken und Paprika zu ernten. Ein anderer hingegen verwandelt den ihm zur Verfügung stehenden Raum lieber in ein farbenprächtiges Blütenmeer, das alle Farben des Regenbogens widerspiegelt. Wieder andere greifen überhaupt nicht ein und überlassen ihren Garten sich selbst, sodass ein kleines, wildes Biotop entstehen kann. Die etwas pragmatischeren Gärtner wiederum bedecken ihre Fläche mit Kies, um sich möglichst viel Arbeit zu ersparen. Und der letzte schließlich wählt einen Mittelweg und kombiniert alle vier Möglichkeiten miteinander.


So unterschiedlich die Gartenbesitzer ihre Flächen gestalten, so individuell hat auch jeder Mensch die Chance, sein eigenes Leben zu formen. Es ist wichtig, den Garten des eigenen Lebens bewusst zu pflegen – ganz gleich, in welche Richtung man ihn entwickeln möchte. Ob man Ordnung, Nutzen, Schönheit oder eine Mischung daraus bevorzugt: Erst durch Aufmerksamkeit und Engagement kann das entstehen, was einem wirklich entspricht.


Gleichzeitig ist es ebenso legitim, Dinge wachsen zu lassen und dem Leben mehr freien Lauf zu geben. Doch auch dieses „Wuchernlassen“ sollte eine bewusste Entscheidung sein – ein aktives Zulassen und kein bloßes Geschehenlassen. Denn am Ende trägt jeder die Verantwortung dafür, wie sein Garten des Lebens aussieht.


Sich von Altem befreien


Es ist nicht möglich, dass alle Ideen und Hoffnungen verwirklicht werden, so wie es auch unmöglich ist, dass aus allen herabgefallenen Kastanien neue Kastanienbäume wachsen. Deshalb hilft es manchmal, sich von gescheiterten Projekten, Liebesbeziehungen oder zwischenmenschlichen Beziehungen zu befreien. Was lohnt es, aufzubewahren? Und was gehört auf den Kompost? Der Mensch mit einer gesunden Radikalität beherrscht die Kunst, sich vom Überflüssigen zu befreien und Ballast abzuwerfen. Stimmt diese innere Balance nicht, so sind zwei Extreme möglich: der totale Kahlschlag im Garten, bei dem alles weggeworfen und ausgerissen wird, und andererseits die generelle Unfähigkeit, sich vom Überflüssigen zu trennen. Dann überwuchern die Unkräuter den Garten und verdecken auch die schönen Blumen.


Der erwachte Gärtner des Lebens jedoch sortiert und trennt. Man kann sich in diesem Prozess fragen: Stärkt es mich oder schwächt es mich? Dies gilt für Dinge genauso wie für Menschen. Dies gilt auch für Ballast aus alten Verpflichtungen und Gewohnheiten, die uns unfrei und schwer gemacht haben. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn das Alte nicht geht, kommt das Neue nicht.“ Schritt für Schritt schaffen wir beim Gärtnern in unserem Garten des Lebens also Raum für eine neue Blüte.


Wenn Altes geht, kann neues Leben wieder langsam wachsen - Wer vertrocknetes Gestrüpp entfernt, zerstört nicht den Garten, sondern schützt seine Lebendigkeit. So können Wurzeln Kraft sammeln und aus dem Alten neue Möglichkeiten entstehen. Foto: Shutterstock
Wenn Altes geht, kann neues Leben wieder langsam wachsen - Wer vertrocknetes Gestrüpp entfernt, zerstört nicht den Garten, sondern schützt seine Lebendigkeit. So können Wurzeln Kraft sammeln und aus dem Alten neue Möglichkeiten entstehen. Foto: Shutterstock

Loslassen, was endet


Dabei muss man sich manchmal auch von nahestehenden Menschen trennen, wenn man erkennt, dass eine Beziehung vorbei ist. Auch hierbei hilft uns der klare Verstand. Vielleicht ist das schmerzlich, aber als gute Gärtnerin weiß man: Es tut not, Licht und Raum für Neues zu schaffen, denn nur so können Erkenntnis und Spiritualität wachsen. Was übrig bleiben soll an Menschen und Träumen, wird man daran erkennen, dass man sich auf eine schöne, kraftvolle Art inspiriert fühlt und in ihrer Nähe auf neue und vielleicht sogar verrückte Gedanken kommt. Was man ausgemistet hat, ist nur das vertrocknete Gestrüpp an der Oberfläche; die Wurzeln und die Kraft sind jedoch geblieben. Was nicht mehr lebendig ist, darf man gehen lassen – je früher, desto besser. Tut man das rechtzeitig, hat man vielleicht noch Zeit für viele neue Frühlinge. Versäumt man diesen Schritt, so nehmen Verhärtung und das stückweise Absterben im Garten des Lebens kein Ende.



Lebenslust Garten


Um ein inneres Glück zu entwickeln, kann es hilfreich sein, den eigenen Geist wie einen Garten zu betrachten. So wie die Pflege eines Gartens eine tägliche Aufgabe ist, sollte auch die Pflege unseres Geistes zu einer täglichen Praxis werden. Dazu gilt es, „Gartenarbeit“ zu erlernen. Schon Louise Hay wusste: Positive Gedanken sind wie Samen, die in den „Boden“ des Unterbewusstseins gepflanzt werden. Wie bei Pflanzen braucht es Geduld und Pflege, bis diese Samen keimen, Wurzeln schlagen und als Realität sprießen. Regelmäßige Wiederholung schafft eine nährstoffreiche Umgebung für das Wachstum.


Umgang mit Zynikern


Einen Garten zu pflegen bedeutet, sich auf Lebendigkeit einzulassen – auf Wachstum, Veränderung und Unvorhersehbarkeit. Ähnlich verhält es sich mit dem menschlichen Miteinander: Dort, wo Raum für spontane Impulse und kreative Ideen entsteht, kann etwas Echtes wachsen. Festgefahrene Menschen hingegen stehen dem entgegen. Sie zerstören mitunter die guten, lebendigen Ideen anderer und ersticken spontane Impulse oft schon im Keim. Wer andere schnell relativiert oder ihre Begeisterung dämpft, hält sich selbst auf Distanz zu Unsicherheit, Überraschung und emotionaler Intensität.


Es gilt zu erkennen, dass Zyniker, die andere Menschen ständig in ihre Grenzen verweisen und jede Euphorie kleinreden, oft Angst vor ihrer eigenen Lebendigkeit haben. Sie ertragen es kaum, diese Lebendigkeit bei anderen zu sehen.


Foto: Shutterstock
Foto: Shutterstock

Zyniker fürchten Überraschung, Ekstase und Kontrollverlust. Deshalb wappnen sie sich mit kognitiven Erklärungen für emotionale Zustände. Sie flüchten sich in Zeitpläne, Excel-Tabellen, Versicherungen und Verträge. Sie berechnen alles, zerlegen alles bis ins kleinste Detail, sichern sich gegen jeden möglichen Schaden ab – und vergessen dabei, dass sie selbst lebendige Wesen sind. Und irgendwann scheint ihnen die Empathie gleichgültig zu werden.


Aus psychologischer Sicht kann das bedeuten: Menschen, die sich dauerhaft gegen emotionale Lebendigkeit abschirmen, verlieren mit der Zeit leichter den Zugang zu ihrem eigenen Mitgefühl. Sie müssen ihr empathisches Empfinden – also jene inneren Fähigkeiten, die Mitgefühl und Resonanz ermöglichen – immer wieder unterdrücken. Und sie unterdrücken und unterdrücken, so lange, bis fast nichts mehr übrig ist.


Sie drängen die Empathie weg, indem sie kognitive Erklärungen darüberstülpen. Erklärung über Erklärung, bis diese hemmenden Konstruktionen so gut ausgebildet sind, dass sich alles rationalisieren lässt – und nichts mehr gefühlt werden muss.


Und genau dort sind wir in der heutigen Welt des Zynikers angekommen. Die eigenen Gefühle werden nicht mehr gezeigt. Gefühlsäußerungen anderer werden lächerlich gemacht oder sarkastisch kommentiert. Jede wundervolle Idee, jeder spontane Impuls, jeder liebevolle Vorschlag wird sofort gekippt – mit dem Hinweis auf die Kosten, auf die Uhrzeit oder darauf, dass man so etwas doch besser nur dann mache, wenn es sich steuerlich abschreiben lässt.


Foto: Shutterstock
Foto: Shutterstock

Wenn die messerscharfen Kalkulationen dieser Menschen den eigenen Wünschen entgegenstehen, tut es gut sich bewusst zu machen, dass jede Rechnung sich durch eine andere Rechnung widerlegen lässt. Denn viele große Denker aus Mathematik und Physik haben immer wieder gezeigt, dass die Wahrheit nicht allein in Berechnungen aufgeht. Sie wussten: Man kann am Leben nicht alles berechnen – vielleicht lässt sich am Ende nur messen, wie lange es dauert. Könnte es also sein, dass es eher darum geht, wie lange man lebendig bleibt in einer Welt, die dazu neigt, uns alle in Situationen zu bringen, in denen wir eben nicht mehr lebendig sind?


Wenn wir einen festgefahrenen Zyniker vorübergehend aus seinem Denkkäfig, seinem Labor, seinem Archiv oder seinem Raum der Lebendigkeits-Zerlegung herausholen möchten, dann vielleicht auch ein Stück weit zu unserem eigenen Vergnügen. Aber nicht in der Erwartung, ihn verändern zu können. Und schon gar nicht in der Hoffnung, ihn zu heilen. Denn genau das führt meist ins Leere.


In unserem Garten des Lebens versuchen wir, uns nichts mehr vorzumachen. Wir lösen uns erbarmungslos von der Vorstellung, jeden erreichen zu müssen. Und wir beginnen zu akzeptieren, dass nicht jeder bereit ist, sich auf Lebendigkeit einzulassen.


Fazit


Ein „radikaler Gärtner des Lebens“ ist jemand, der ohne falsche Scheu Strukturen im Leben beseitigt, die nicht mehr guttun, um eine gesunde, neue Entwicklung zu fördern.


Unseren Garten des Lebens in überschaubare, sterile kleine Einheiten zu zerlegen, mag sich anfangs für unser Gehirn wie ein Gewinn und wie Ordnung anfühlen. Es kann auch eine Zeit lang Sicherheit geben – doch es birgt die Gefahr, dass dabei etwas Wesentliches verloren geht: die Verbindung zur eigenen Lebendigkeit und die Fähigkeit, sich auf andere wirklich einzulassen. Vielleicht liegt die Herausforderung des Gärtnerns darin, auch Offenheit und Unsicherheit zuzulassen. Denn erst im Zusammenspiel von Offenheit und Lebendigkeit entsteht ein Raum, in dem Menschen wachsen können – wie ein blütenprächtiger Garten.


Seelische Gartenarbeit ist wirklich nicht schwer. Es ist eine große Freude, sich von der Last alter negativer Überwucherungen zu befreien und sie in das Nichts zurückzuschicken, aus dem sie kamen.


 
 
 

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