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Gerald Hüther im Interview: Der Garten des Lebens

  • Autorenbild: Lisa Gutzelnig
    Lisa Gutzelnig
  • vor 2 Tagen
  • 12 Min. Lesezeit

Die Natur ist seit jeher mehr als nur der Raum, der uns umgibt. Sie ist Rückzugsort, Kraftquelle und Spiegel unseres inneren Lebens zugleich. In einer Zeit, die von Beschleunigung, Reizüberflutung und wachsender Entfremdung geprägt ist, sehnen sich viele Menschen nach Verbundenheit, Orientierung und echter Lebendigkeit. Doch was lässt uns innerlich wachsen? Was stärkt unsere seelische Widerstandskraft und wie geht es eigentlich der Natur dabei?


Bild: Shutterstock.com
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Kaum jemand beschäftigt sich mit diesen Fragen so eindringlich wie Prof. Dr. Gerald Hüther. Der renommierte Neurobiologe und Autor zählt zu den bedeutendsten Vordenkern unserer Zeit und verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit einem zutiefst humanistischen Blick auf den Menschen. Wir sprechen mit ihm über den Garten des Lebens, die Heilkraft der Natur, über die Bedeutung einer lebendigen Beziehung zur Natur und darüber, warum wahre Entwicklung nur dort entstehen kann, wo wir uns noch berühren und begeistern lassen.


Redaktion: Herr Dr. Hüther, Sie verwenden gerne das Bild der Natur für die menschliche Entwicklung. Wie wichtig ist denn die Radikalität im „Garten des Lebens“? Also die Fähigkeit, Dinge konsequent loslassen zu können, so wie ein Gärtner, der manchmal Unkraut ausreißen muss, dort, wo er bunte Blumen haben möchte? Und was spielt sich dabei in unserem Gehirn ab?

Prof. Dr. Gerald Hüther: Als Hirnforscher würde ich sagen: Wir alle verfügen über ein enorm formbares, plastisches und zeitlebens lernfähiges Gehirn. Das führt dazu, dass dort nichts von Anfang an fest eingebaut sein kann, das schon wüsste, wie es geht. Nicht der liebe Gott organisiert das und auch nicht die genetischen Programme, sondern das Gehirn organisiert sich unterwegs selbst. Es beginnt bereits im Mutterleib, und wir nennen das, wodurch es sich organisiert: Erfahrungen. Es geht also nicht um Auswendiglernen, sondern um Erfahrung.


Über Prof. Dr. Gerald Hüther: Prof. Dr. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Vorstand der Akademie für Potenzialentfaltung. Er forschte unter anderem an der Universität Leipzig, am Max-Planck-Institut in Göttingen und an der Universität Göttingen. Seine Themen sind unter anderem Hirnentwicklung, frühe Erfahrungen, Angst, Stress und emotionale Reaktionen. Bekannt ist er auch als Autor zahlreicher Sachbücher. Bild: Shutterstock.com
Über Prof. Dr. Gerald Hüther: Prof. Dr. Gerald Hüther ist Neurobiologe und Vorstand der Akademie für Potenzialentfaltung. Er forschte unter anderem an der Universität Leipzig, am Max-Planck-Institut in Göttingen und an der Universität Göttingen. Seine Themen sind unter anderem Hirnentwicklung, frühe Erfahrungen, Angst, Stress und emotionale Reaktionen. Bekannt ist er auch als Autor zahlreicher Sachbücher. Bild: Shutterstock.com

Der Hirnforscher sagt: Das Einzige, was sich das Gehirn merkt, sind die Lösungen, nicht die Probleme. Immer dann, wenn wir ein Problem haben, gerät etwas durcheinander. Der schöne Gleichklang, in dem die Nervenzellen miteinander arbeiten, kommt aus dem Takt. Man steht, wie man in Deutschland sagt, wie der Ochse vor dem neuen Tor und weiß nicht, was man machen soll. Im Gehirn geht es dann drunter und drüber, und es wird viel Energie verbraucht. Das rutscht schließlich hinunter in den Bereich von Gesundheit und Körperlichkeit: Man spürt es als Herzrasen, Schweißausbruch oder innere Unruhe. Spätestens dann merkt man: Jetzt ist es ernst mit diesem Durcheinander. Jetzt muss ich eine Lösung finden.


Und wir Menschen finden dann auch eine Lösung. Es sind nicht immer die besten Lösungen. Es kann sein, dass man eine Partnerschaft verlässt, die Tür zuschlägt oder einfach abhaut. Manche haben auch keine Hemmungen, sich zu schlagen. Auch das sind Lösungen. Wenn eine solche Lösung funktioniert, wird sie abgespeichert. Wir nennen das: einen inkohärenten Zustand, also einen Zustand, in dem etwas nicht passt, wieder in einen kohärenteren, passenderen und weniger energieaufwendigen Zustand im Gehirn zu überführen.


Wenn wieder mehr Gleichklang entsteht, wird im Gehirn Energie frei, und bestimmte Bereiche werden aktiviert. Hirnforscher nennen sie das Belohnungszentrum. Dort werden Botenstoffe ausgeschüttet, etwa Katecholamine und Endorphine. Sie wirken ein wenig wie Kokain und Heroin zugleich. Dann entsteht dieses große Glücksgefühl: Man hat eine Lösung gefunden. Warum man das Problem ursprünglich hatte, tritt plötzlich in den Hintergrund. Gleichzeitig wirken diese Botenstoffe wie eine Art Dünger. Die neuroplastischen Botenstoffe regen andere Zellen an, Hormone zu bilden, die Nervenzellen wiederum brauchen, um neue Fortsätze auszubilden. Das Gehirn optimiert also seine Verschaltung anhand der gefundenen Lösung.


Bild: Shutterstock.com
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Ein Beispiel: Sie wollen mit Ihrem Partner Urlaub machen. Ihre innere Stimme und Ihr ganzes Herz sagen Ihnen, dass das jetzt das Beste wäre. Dann schauen Sie in Ihren Kalender, und der sagt Ihnen: Es geht nicht. Und schon haben Sie ein Problem. Der Kalender ist in diesem Bild das Unkraut, das Sie daran hindert, mit Ihrem Partner die schönen Blumen zu pflanzen. Nun müssen Sie überlegen, wie Sie vorgehen. Die Kalenderseite muss also weg.


Das tut manchmal weh, dieses Unkraut auszurupfen. Aber es ist ja nicht ohne Grund gewachsen. Man hat sich den Kalender nicht ohne Grund mit all diesen Terminen gefüllt. Man hat geglaubt, das sei alles furchtbar wichtig. Jetzt muss man es neu bewerten. Mit den neuen Bewertungskriterien erscheint der Kalender plötzlich nicht mehr so wichtig. Und Sie haben Glück: Sie können die Kalenderseite einfach herausreißen, Termine streichen und mit Ihrem Partner in den Urlaub fahren.


Was man dabei tut: Man nimmt dem Bisherigen seine Bedeutung. Im Garten kann das auch die Freude an einem alten Zaun, am Giersch oder an den Brennnesseln betreffen. Diese bisherige Bedeutung muss überdeckt werden von der Vorfreude auf den Gewinn: auf ein wunderschönes Sommerblumenfeld, das entstehen kann, wenn man den Garten umgestaltet. Manche lassen ihren Garten gern wuchern. Auch das ist schön. Auch das ist ein Garten des Lebens.


Lösungen prägen das Gehirn: Unser Gehirn speichert vor allem Lösungen. Sie bringen uns zurück in den inneren Gleichklang und schenken neue Energie. Bild: Shutterstock.com
Lösungen prägen das Gehirn: Unser Gehirn speichert vor allem Lösungen. Sie bringen uns zurück in den inneren Gleichklang und schenken neue Energie. Bild: Shutterstock.com

Wenn man sich die Natur ansieht, dann merkt man relativ schnell, dass alles einander dient. Die Sonne strahlt sich nicht selber an und die Blumen produzieren diese wunderschönen Blüten und den Nektar auch nicht für sich. Man könnte sagen, dass die Natur dieses authentische Interesse an der Entfaltung des anderen noch hat. Warum ist es denn uns Menschen verloren gegangen, dieses Interesse an der Entwicklung des jeweils anderen?

Darüber müssten wir sprechen: Ob wir uns selbst noch als Teil dieses großen, lebendigen Wesens fühlen, das wir Natur nennen. Der Mensch hat die Möglichkeit, Vorstellungen über sich selbst und seine Rolle in der Welt zu entwickeln. Das können die Tiere in dieser Form nicht. Deshalb ist jedes Tier immer eingebunden in die Welt, in der es lebt, und Teil dieser Welt. Es käme nicht auf die Idee, sich als fremd in dieser Welt zu betrachten. Es muss fressen, sich fortpflanzen, schauen, wo es bleibt, und aufpassen, dass es nicht gefressen wird. Aber es macht all das als lebendiger Bestandteil dieser lebendigen Welt.


Integriert nennt man das. Und ich weiß: Da hört auch unsere deutsche Sprache auf, weil das so schön ist, dass wir es kaum benennen können.


Bild: Shutterstock.com
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Ich versuche es für mich selbst zu beschreiben. Ich, Gerald, kann mich, wenn ich das möchte und mir bewusst mache, als Teil dieser gesamten lebendigen Natur erleben und fühlen. Natürlich gibt es mich weiterhin als Gerald. Aber ich spüre mich erst dann richtig als Gerald, wenn ich draußen in der Natur bin und mich mit all dem verbinde, was dort ist. Ich bin also kein Fleischklops, der abgetrennt von allem versucht, sein Dasein zu meistern.


Solange wir uns von der Natur trennen, uns über sie hinwegsetzen und anfangen, die Natur oder andere Lebewesen wie Objekte zu behandeln, kann daraus letztlich nur Selbstzerstörung entstehen. Wir können krank werden, weil wir uns selbst aus diesem natürlichen, lebendigen Prozess ausgegliedert haben. Wir sind dann wie ein Blinddarm oder wie ein Schmarotzer, der nimmt, was er bekommen kann, selbst aber nichts gibt und nicht mehr dazugehört. Das erinnert auf eigenartige Weise an Krebsgeschwüre: Auch sie nehmen sich alles, wachsen immer weiter, pflanzen sich im Wirt fort, und am Ende stirbt der Wirt. Wenn Menschen sich weiter so in der Natur bewegen, werden sie sich am Ende auf diese Weise selbst ausrotten.


Die Gesellschaft sieht die Natur ja gerne als Dienstleisterin. Entfernen wir uns dabei immer weiter von uns selbst, dadurch dass wir die Natur als Dienstleisterin sehen?

Einer Dienstleisterin könnte man immerhin dankbar sein. Man könnte sie bezahlen, sich bedanken oder eine Kompensation für ihre Leistung erbringen. Nein, wir benutzen die Natur oft, als wäre sie unser Eigentum, wie einen Gegenstand. Wir machen natürliche Gegebenheiten und vor allem die Lebewesen, die es in der Natur gibt, zum Objekt unserer Absichten, Ziele und Maßnahmen.


Wenn ich alles Lebendige wie ein Objekt behandle, wird es in meinem Bewusstsein zu etwas Maschinenhaftem. Es ist dann wie ein Auto: Ich benutze es zum Fahren, öle es vielleicht, pumpe die Reifen auf, wenn Luft fehlt, aber ansonsten habe ich mit ihm nichts zu tun. So kann ich dann auch die Natur benutzen.


Mut statt Kontrolle: Prof. Dr. Gerald Hüther spricht darüber, wie Angst und Kontrolle den natürlichen Entdeckerdrang von Kindern bremsen können. Bild: Shutterstock.com
Mut statt Kontrolle: Prof. Dr. Gerald Hüther spricht darüber, wie Angst und Kontrolle den natürlichen Entdeckerdrang von Kindern bremsen können. Bild: Shutterstock.com

Ich würde jetzt gerne noch mal auf die Radikalität zurückkommen. Kleinkinder können ja sehr gut für sich einstehen und sagen, wenn etwas jetzt nicht passt, dann wird es auch mal laut und wild. Wie wichtig sind für Kinder diese Abgrenzungsimpulse?

Ich glaube, diese Handlungsimpulse sind Teil eines ganz wichtigen Geschehens, das nicht unterdrückt werden sollte. Sie gehören zu den beiden Grundbedürfnissen des Menschen. Das eine Grundbedürfnis ist Verbundenheit. Damit kommt man schon auf die Welt. Auch im Garten ist es so: Wenn irgendwo ein Samenkorn aufgeht, ist es immer Teil dessen, was ringsherum schon da ist, und nicht völlig abgegrenzt und separat.


Wenn man ein Beet anlegt und Samen hineinsetzt, ist die Welt natürlich schon ein wenig enger. Aber wenn sich etwas natürlich entwickelt, wächst es immer in etwas hinein, das bereits da ist. So geht es auch einem Kind: Es wächst in etwas hinein, das schon vorhanden ist. Und es bringt gewissermaßen einen Kompass mit, um sich in dieser Welt zu orientieren. Dazu gehören die beiden Grundbedürfnisse: Verbundenheit und eigene Gestaltungsmöglichkeiten.


Deshalb sucht ein Kind immer wieder Gelegenheiten, diese Verbundenheit zu spüren: in den Arm genommen werden, kuscheln, nah beieinander sein. Zugleich wollen Kinder nicht immer nur kuscheln. Sie wollen auch zeigen, was sie können. Das ist das Bedürfnis nach Autonomie, später nennt man es auch Freiheit. Und zu diesem Bedürfnis gehört auch die natürliche Reaktion, wenn man eingeengt wird: zu sagen: „nicht mit mir, das bin ich nicht!“


Manche Eltern reagieren ja auf diesen Lebens- und Gestaltungsdrang eines Kleinkindes mit Angst, denn die Beweglichkeit der Kinder macht ihnen Angst. Es kann ja was passieren, es kann was runterfallen. Das Kind kann sich wehtun. Was passiert da mit dem Kind, wenn die Eltern mit Angst auf seinen Gestaltungsdrang reagieren?


Es gibt Gesellschaften, in denen sehr viele Menschen vor allem darauf achten, dass nichts Gefährliches passiert. Ich nenne das gern Besitzstandswahrung. Eine solche Haltung entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben, es bereits zu etwas gebracht zu haben, und nun vor allem darauf achten müssen, dass ihnen nichts abhandenkommt, nichts kaputtgeht und ihnen niemand etwas wegnimmt. Das ist die Mentalität eines Besitzstandswahrers. Davon gibt es viele. Und genau diese Haltung beschreiben Sie bei Eltern, die ständig Angst haben, ihrem Kind könnte etwas passieren.


Bild: Shutterstock.com
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Daneben gibt es Gesellschaften, in denen es weniger um die Wahrung eines Besitzstandes geht als um die Erschließung von etwas Neuem. Das sind Aufbruchsgesellschaften. Dort ist Besitzstand weniger wichtig. Entscheidend ist, wie man vorwärtskommt und vorhandene Bedingungen nutzt. Solche Gesellschaften bringen Menschen hervor, die alles dafür tun würden, dass ihre Kinder in diesen Aufbruch gehen. Sie schützen sie nicht übermäßig, sondern schicken sie los: „Geh rein!“


Was passiert, wenn ein Kind in einer sehr ängstlichen Atmosphäre aufwächst? Wird es dann immer leiser, vorsichtiger? Oder kann es auch passieren, dass es dann im Gegenteil zu mehr motorischen Unruhen kommt, wenn es so gut behütet, kontrolliert wird?


Wir haben noch immer diesen Glauben, dass unterdrückte Impulse sich wie in einem Dampfkochtopf ansammeln und irgendwann der Deckel hochfliegt. Freud hat diese Vorstellung in die Welt gesetzt, aber ich halte sie für falsch. Kinder werden in solchen Umgebungen eher ruhiger. Wenn sie in eine Welt hineinwachsen, in der es kaum noch etwas zu entdecken gibt und ihnen alles vorgefertigt wird, unterdrücken sie ihr Bedürfnis nach Eigengestaltung. Sie nutzen dann das, was ihnen angeboten wird. Dann sitzen sie brav in ihren Spielautomaten oder in Einrichtungen, in denen sie unter ordentlicher Aufsicht ein paar Dinge machen dürfen.


Das ist traurig und hat mit dem wilden Garten nichts mehr zu tun. Es ist kein Bild eines lebendigen Gartens, sondern eines auf Ertrag angelegten Gartens. Mir fällt dazu immer das Beispiel der Obstbauern in Südtirol ein. Am Rand der Autobahn sieht man diese wunderbaren Apfel- und Birnbäume als Spalierobst. Die kleinen Äste werden festgehalten, straff angebunden und so ausgerichtet, dass sie schön in der Sonne stehen. Dann kann man sie leicht pflücken. Es entstehen lauter Äpfel und Birnen, die gleich aussehen, weil sie unter den gleichen Bedingungen gewachsen sind. Maximaler Ertrag, maximaler Erfolg, alles voll mit Spalierobst.


Wenn man die Obstbauern fragt, wie sie das nennen, was sie tun, wenn sie die Zweige an den kleinen Apfelbäumchen anbinden, sagen sie: „Das heißt bei uns Erziehung.“ Das ist ein sehr gutes Bild. Und für Äste, die sich nicht festbinden lassen wollen, gibt es den „Erziehungsschnitt“: Dann werden sie abgeschnitten. Wenn man das einmal gehört hat, nimmt man den Begriff Erziehung nicht mehr so gern in den Mund. Denn dabei geht es um Ertrag. Ich fürchte, dass viele unserer sogenannten Erziehungseinrichtungen, Erziehungsmaßnahmen und auch viele elterliche Vorstellungen von Erziehung sehr stark ertragsorientiert sind.


Und der Ertrag wäre was? Dass das Kind es zu etwas bringt und ein funktionierender Teil des Systems wird?


So würden Eltern es meist nicht sagen. Sie sagen eher: „Der hat doch das Talent zum Oberarzt.“ Man würde sich gemein oder lieblos fühlen, wenn man ihm nicht die Möglichkeit gäbe, diese angeblich in ihm schlummernden und von den Eltern erkannten Talente zur Entfaltung zu bringen. Aber manchmal irren sich Eltern. Dann lässt jemand die ganze Tortur über sich ergehen, wird vielleicht tatsächlich Oberarzt, setzt aber seine Familie aufs Spiel, die Frau läuft davon, am Ende kommt ein Burnout, und er merkt, dass er dieses Leben gar nicht führen wollte.


Das hat sich die Mutter damals, als er fünf war, nicht überlegt. Sie hat ihn auf eine Spur gesetzt. Er war ein Suchender, und sie hat ihn in die Irre gelenkt. Sie hat nicht darauf geachtet, was er wollte, sondern vor allem darauf, welche Träume sie für diesen Jungen hatte. Sie hat den Jungen als Objekt zur Erfüllung ihrer eigenen Träume benutzt. Und das kann nicht gut gehen.


Kinder brauchen Erwachsene, die sehen, was in ihnen selbst wachsen will, statt sie auf vorgezeichnete Wege zu setzen. Bild: Shutterstock.com
Kinder brauchen Erwachsene, die sehen, was in ihnen selbst wachsen will, statt sie auf vorgezeichnete Wege zu setzen. Bild: Shutterstock.com

Nach dieser jahrzehntelangen Forschung, die Sie betreiben, und Ihrem tiefen Verständnis über das menschliche Gehirn, gibt es für Sie eigentlich noch etwas Unergründliches, wo Sie sagen, das können Sie sich nicht erklären?

Es gibt ein eigenartiges Phänomen, das ich früher nicht erwartet hätte: Je tiefer ich eindringe, desto spannender wird es. Es wird nicht langweilig, sobald man beginnt, etwas zu verstehen. Im Gegenteil: Es wird reicher, bunter, und es entstehen immer neue Fragen. Offenbar ist die Natur, die wir erforschen, so tiefgründig und vielfältig, dass wir immer nur ein Stück davon erkennen können. Und indem wir dieses Stück erkennen, öffnet sich bereits die nächste Tür zu neuen Räumen, die wir erforschen können.


Damit wird man nie fertig, und das ist gut so. Es nimmt einem ein wenig die Arroganz und Überheblichkeit, zu glauben, wir seien die Beherrscher der Natur. Das sind wir ganz bestimmt nicht, und im Grunde weiß das auch jeder. Wenn wir es nicht bald schaffen, unser Zusammenleben anders zu gestalten, sodass es wieder einem Garten gleicht, in dem alles nebeneinander und miteinander wachsen kann, werden wir das nicht hinbekommen. Dann sind wir auf diesem Planeten verloren, und dann wird es uns bald nicht mehr geben. Der Natur macht das nichts aus. Sie kommt auch gut ohne uns zurecht.


Bild: Shutterstock.com
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Wie sehen Sie die Rettung des Wals Timmy? Hat das etwas mit menschlicher Überheblichkeit zu tun? Oder doch eher mit menschlicher Fürsorge für ein Lebewesen?

Für mich zeigt das, wie weit Menschen ihre Vorstellungen davon, wie etwas sein sollte, von dem entfernt haben, was das Leben möglicherweise wirklich braucht. Für mich und wahrscheinlich für viele, die diese Bilder gesehen haben, war von Anfang an klar: Es handelt sich um ein krankes Tier, das sich einen Platz gesucht hat, an dem es nicht ertrinken muss. Eine Sandbank. Wenn ein Wal auf dem offenen Meer schwimmt und nicht mehr die Kraft hat, immer wieder aufzutauchen, um Luft zu holen, dann erstickt er. Das ist kein schöner Tod. Deshalb hat ein solcher Wal wahrscheinlich intuitiv das Bedürfnis, sich irgendwohin zu begeben, wo er sich ablegen kann. Und das ist eine Sandbank.


Dann haben wir ihn dreimal von der Sandbank heruntergeschleppt, und er hat sich immer wieder auf eine neue Sandbank gelegt. Spätestens da hätte man wach werden und sagen müssen: Lasst ihn in Ruhe sterben. Aber dabei können wir nicht zuschauen. Deshalb halte ich das Ganze für den Ausdruck einer inneren Haltung, die sehr deutlich zeigt, wie weit sich viele Menschen inzwischen von natürlichen Gegebenheiten und natürlichen Prozessen entfernt haben.


Natur lässt sich nicht lehren, nur erleben: Wer Natur mit allen Sinnen erfährt, entwickelt Verbundenheit und daraus den Wunsch, sie zu schützen. Bild: Shutterstock.com
Natur lässt sich nicht lehren, nur erleben: Wer Natur mit allen Sinnen erfährt, entwickelt Verbundenheit und daraus den Wunsch, sie zu schützen. Bild: Shutterstock.com

Heißt das, jeder Heilungsprozess ist automatisch ein Selbstheilungsprozess?

Es gibt niemanden, der einen Menschen heilen kann. Der Mensch kann immer nur selbst wieder gesund werden. Sämtliche Heilungsprozesse sind Selbstheilungsprozesse. Das ist eine schwierige Botschaft für viele Heiler, Mediziner und andere. Aber sie bedeutet: Jeder Heilungsprozess ist ein Selbstheilungsprozess. Ein kompetenter Arzt oder sogenannter Heiler kann nur mit seiner Kunst dazu beitragen, dass die Bedingungen, wie in einem Garten, so gestaltet werden, dass dort ein gesundes Miteinander wachsen kann.


Wenn mein Arm gebrochen ist und ich eine Knochenfraktur habe, kann der Arzt den Knochen nicht heilen. Er kann dafür sorgen, dass die Bedingungen möglichst günstig sind, damit der Knochen gut wieder zusammenwächst. Das ist ärztliche Kunst: Bedingungen zu schaffen, in denen das, was man sich wünscht, auch geschehen kann. Aber machen kann er es nicht.


Geht es im Leben also stets um die Gesetzmäßigkeiten der Natur? Und darum, dass wir uns da nicht über sie stellen, sondern versuchen, sie zu verstehen?

Die Gesetzmäßigkeiten der Natur kann man nicht einfach unterrichten. Man muss Kindern und Jugendlichen Gelegenheit geben, in der Natur eigene Erfahrungen zu machen: wie dort alles ineinanderwirkt, wie alles voller Wunder ist, und was geschieht, wenn man darin herumwurschtelt, ohne die Folgen zu bedenken. Erst durch solche Erfahrungen kann ein Gefühl tiefer Verbundenheit mit der Natur entstehen. Das gelingt nicht, indem man Kindern erzählt, wie verbunden sie mit der Natur seien. Wenn sie es nicht erleben können, ist es nicht da. Um die Natur kann sich nur jemand kümmern, der mit ihr verbunden ist.

Liebe ist das authentische Interesse an der Entfaltung dessen, was man liebt. Wenn ich die Natur liebe, habe ich ein authentisches und bedingungsloses Interesse daran, dass sie sich mit allem, was in ihr steckt, weiter entfalten kann, unabhängig davon, wie sie sich gerade zeigt. Dazu kann ich mit meinen Möglichkeiten beitragen. Und sei es nur, indem ich versuche, denen das Handwerk zu legen, die diese Natur weiterhin für ihre Zwecke ausbeuten und ruinieren.


 
 
 

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