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Dankbarkeit im Herbst: Über Ernte, Empfangen und Loslassen

Autorenbild: Lisa Gutzelnig
Lisa Gutzelnig
vor 5 Tagen
3 Min. Lesezeit

Ich sehe die goldenen Blätter lautlos zur Erde gleiten. Mit einem tiefen Atemzug füllt klare, kühle Herbstluft meine Lungen. Ich bin da. Ganz in diesem Augenblick.


Ich muss jetzt nirgends dazugehören, und ich bin auch von nichts ausgeschlossen. Allein durch mein Dasein bin ich vollständig. Ich bin gehalten, getragen und behütet – von den weisen, alten Hütern der Zeit. Mächtige Laubbäume stehen neben mir wie lebendige Kathedralen, verwurzelt zwischen Himmel und Erde. In ihrer stillen Gegenwart scheinen sie mir zuzuflüstern:


Bild: Envato
Bild: Envato

„Es ist genug. Du bist genug.“


Die Qualität des Jahres hat sich gewandelt. Der Himmel ist weit und still. Als hätte selbst der Kosmos für einen Moment den Lärm der Welt ausgeschaltet, damit das Wesentliche wieder hörbar wird.


Mein Lebensfluss trägt goldenes Wasser. Er fließt ruhig, warm und ohne Eile. Und zum ersten Mal in diesem Jahr trägt er nicht nur Wasser, sondern auch Früchte. Reife Früchte gelebter Erfahrungen, überwundener Herausforderungen und leiser Erkenntnisse dieses Sommers.


An einem Herbsttag wie diesem gibt es nichts mehr zu beweisen und nichts mehr zu erreichen. Es gibt nur noch etwas zu empfangen. Und genau darin liegt für viele von uns die größte Herausforderung. Wir sind geübt im Tun, im Streben und im Festhalten – doch das Annehmen fällt uns oft schwer.


Dabei zählt auch die stille Ernte. Das Unscheinbare. Das Unsichtbare. Ein versöhnliches Gespräch. Eine gewachsene innere Stärke. Ein mutiger Schritt. Oder einfach die Erkenntnis, heute mehr bei sich selbst angekommen zu sein als noch vor einem Jahr.


Der Höhepunkt des Jahres liegt hinter uns. Nach einem bewegten Sommer hält die Natur zum ersten Mal wieder inne und stellt uns eine sanfte Frage:


Bild: Envato
Bild: Envato

„Schau – was ist in dir gewachsen?“


Jede Ernte kennt zwei Bewegungen. Die erste ist das Empfangen: das Würdigen dessen, was geworden ist. Nicht dessen, was fehlt.


Die zweite ist der Schnitt. Was reif geworden ist, wird vom Halm getrennt. Nicht aus Härte, sondern weil jeder Lebenszyklus Vollendung braucht. Etwas darf zu Ende gehen. Etwas darf verabschiedet werden – nicht im Groll, sondern in Dankbarkeit.


Was dürfen wir in diesem Jahr ernten? Welche Früchte unseres Lebens wollen gesehen und gewürdigt werden? Und was darf mit dem Schnitt des Herbstes gehen?


Vielleicht ist die eigentliche Frage eine andere: Welche Beziehungen tragen mich noch – leicht und wahrhaftig? Und welche ‚er‘trage ich nur noch, obwohl ihre Zeit längst vergangen ist?


Die alten Bäume sind vielleicht die größten Lehrmeister des Herbstes. Sie klammern sich an kein einziges Blatt. Sie wissen, dass Loslassen kein Verlust ist, sondern Vertrauen in den Kreislauf des Lebens. Gerade wenn sie ihre Kronen leeren, offenbart sich ihre ganze Würde. Knorrig, aufrecht und voller Weisheit stehen sie da – als stille Zeugen unzähliger Jahreszeiten.


Wo etwas zu Ende gegangen ist, darf es in Würde ruhen. Die Natur käme niemals auf die Idee, ein gefallenes Blatt wieder an den Ast zu befestigen oder ihm wehmütig nachzutrauern. Sie vertraut darauf, dass alles, was losgelassen wird, eine neue Aufgabe erhält.


Das Blatt sinkt zur Erde, wird Teil des Waldbodens, nährt die Wurzeln und schenkt dem kommenden Frühling neues Leben. Nichts geht verloren – es verändert lediglich seine Form.


Vielleicht dürfen auch wir Menschen lernen, uns nach einem Abschied nicht immer wieder wehmütig umzudrehen. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern im Vertrauen darauf, dass das, was gegangen ist, seinen Platz im großen Kreislauf des Lebens gefunden hat und dass selbst unsere Verluste den Boden bereiten können, auf dem eines Tages etwas Neues wächst.


Loslassen bedeutet nicht vergessen. Es bedeutet, dem Vergangenen mit Dankbarkeit seinen Platz zu schenken und den Blick wieder dem Leben zuzuwenden. Wer den Herbst mit offenem Herzen empfängt, erkennt, dass im Loslassen bereits der Keim des nächsten Frühlings verborgen liegt.

 
 
 

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