Die Heilkraft des Sommers: Sonnenessenzen selber machen
- Harald Gutzelnig

- 29. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Wenn die Tage lang sind, die Wiesen duften und die Sonne ihre ganze Kraft entfaltet, beginnt für viele Heilkräuter die wichtigste Zeit des Jahres. Jetzt sammeln sie Licht, Wärme und ätherische Öle in Blüten, Blättern und Stängeln. Genau diese Fülle wurde früher in vielen Hausapotheken genutzt. Sommerkräuter wurden getrocknet, in Öl angesetzt, zu Sirup gekocht, als Tee aufgebrüht oder zu kleinen Hausmitteln verarbeitet, die Körper und Seele durch das Jahr begleiten sollten.

Viele dieser Pflanzen wachsen direkt vor unserer Haustür – am Wegrand, auf Wiesen, im Garten oder am Waldrand. Johanniskraut fängt mit seinen goldgelben Blüten die Sonnenkraft ein, Lavendel bringt Ruhe in unruhige Tage, Melisse erfrischt und besänftigt zugleich. Minze und Holunderblüte schenken kühlende Sommergetränke, während Schafgarbe mit ihren Bitterstoffen die Verdauung unterstützt. Ringelblume, Spitzwegerich und Rose wiederum gehören zu jenen Pflanzen, die besonders gern für Haut, kleine Alltagsbeschwerden und wohltuende Pflege verwendet werden.
Wichtig ist dabei immer ein achtsamer Umgang mit der Natur. Gesammelt wird nur, was sicher bestimmt werden kann, nicht an stark befahrenen Straßen und nur so viel, wie tatsächlich gebraucht wird. Viele Kräuter lassen sich auch gut im Garten oder Topf ziehen. Wer schwanger ist, Medikamente einnimmt, unter Allergien leidet oder chronische Erkrankungen hat, sollte Anwendungen vorsichtshalber mit einer Fachperson abklären. So wird aus altem Pflanzenwissen eine sanfte, bewusste Sommerapotheke – und aus jedem Glas Sirup, jedem Tee und jedem Blütenöl ein kleines Stück eingefangene Jahreszeit.
Sonnenessenzen & Seelenkräuter

Johanniskraut-Sonnenöl für verspannte Muskeln und Sommerhaut
Pflanze: Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist an seinen goldgelben Blüten zu erkennen. Zerreibt man sie zwischen den Fingern, färben sie sich rötlich. Die Blätter zeigen gegen das Licht kleine durchscheinende Punkte.
Wirkung: Traditionell gilt Johanniskraut als Sonnenpflanze für Nerven, Stimmung und Haut. Äußerlich angewendet wird das rote Öl bei Verspannungen, gereizter Haut und zur sanften Massage genutzt.
Fundort: Trockene Wiesen, Wegränder, Böschungen und sonnige Waldränder. Blütezeit: rund um Johanni Ende Juni bis August.
Anwendung: Frische Blüten locker in ein Glas geben, mit Oliven- oder Sonnenblumenöl bedecken und 3–6 Wochen sonnig ziehen lassen. Danach abseihen und dunkel lagern. Nicht vor dem Aufenthalt in direkter Sonne anwenden, da Johanniskraut die Haut lichtempfindlicher machen kann.


Lavendel-Sirup für innere Ruhe
Pflanze: Echter Lavendel (Lavandula angustifolia) ist ein aromatischer Halbstrauch mit schmalen Blättern und violetten Blütenähren. Sein Duft ist intensiv, klar und unverwechselbar.
Wirkung: Lavendel wird traditionell bei innerer Unruhe, Anspannung und Einschlafproblemen geschätzt. Sein Duft wirkt beruhigend, zugleich bringt er in Getränken eine feine, sommerliche Note.
Fundort: Ursprünglich im Mittelmeerraum heimisch, bei uns häufig in Gärten, Kräuterbeeten und Töpfen. Geerntet werden die Blüten kurz vor oder zu Beginn der vollen Blüte.
Anwendung: 2 Handvoll Lavendelblüten mit 1 Liter Wasser und 500 g Zucker kurz aufkochen, 20 Minuten ziehen lassen, abseihen und mit Zitronensaft abschmecken. Heiß in Flaschen füllen. Verdünnt mit Wasser oder Mineralwasser ergibt der Sirup ein duftendes Sommergetränk.

Melissen-Eistee für Nerven und Magen
Pflanze: Zitronenmelisse (Melissa officinalis) gehört zu den Lippenblütlern. Ihre weichen, gezahnten Blätter duften beim Zerreiben frisch nach Zitrone.
Wirkung: Melisse gilt als sanft beruhigend, krampflösend und verdauungsfördernd. Sie wird traditionell bei nervösem Magen, Unruhe und Einschlafproblemen eingesetzt.
Anwendung: Eine Handvoll frische Melissenblätter mit 1 Liter heißem Wasser übergießen, 10 Minuten ziehen lassen und abkühlen. Mit Zitronenscheiben und etwas Honig verfeinern, kalt stellen und als Eistee trinken. Am aromatischsten ist der Eistee mit frischen Blättern, da sie besonders viele ätherische Öle enthalten.


Kräuter-Getränke für heiße Tage
Minz-Sirup für kühle Sommertage
Pflanze: Minze (Mentha) ist an ihrem frischen Duft, den gezähnten Blättern und dem kantigen Stängel zu erkennen. Besonders beliebt sind Pfefferminze, Apfelminze und Marokkanische Minze.
Wirkung: Minze wird traditionell als erfrischend, kühlend und verdauungsfördernd geschätzt. Ihr Menthol sorgt für ein angenehm klares Mundgefühl und passt ideal zu Sommergetränken.
Fundort: Feuchte, nährstoffreiche Böden; häufig im Garten oder Topf. Da Minze stark wuchert, wird sie am besten begrenzt gepflanzt.
Anwendung: 2 Handvoll Minzblätter mit 1 Liter Wasser, 500 g Zucker und Zitronensaft aufkochen, 20 Minuten ziehen lassen, abseihen und heiß abfüllen. Mit Mineralwasser, Gurkenscheiben oder Zitrone wird daraus eine schnelle Kräuterlimonade.

Holunderblüten-Limonade nach Oma-Art
Pflanze: Schwarzer Holunder (Sambucus nigra) ist ein Strauch mit großen, weißen Blütendolden und später dunklen Beeren. Die Blüten duften süßlich, warm und typisch sommerlich.
Wirkung: Holunderblüten werden traditionell bei beginnenden Erkältungen, leichtem Frösteln und zur sanften Unterstützung des Schwitzens verwendet. Als Sirup sind sie vor allem ein beliebter Sommerklassiker.
Fundort: Hecken, Waldränder, Gärten und Feldgehölze. Blütezeit: meist Mai bis Juni. Nur voll aufgeblühte, trockene Dolden sammeln.
Anwendung: 10–12 Blütendolden mit 1 Liter Wasser, 700 g Zucker, Zitronenscheiben und etwas Zitronensäure 24 Stunden ziehen lassen. Danach abseihen, kurz erhitzen und in Flaschen füllen. Mit Wasser verdünnen und gut gekühlt servieren.

Schafgarben-Tee als Sommer-Bittertrunk
Pflanze: Schafgarbe (Achillea millefolium) erkennt man an ihren fein gefiederten Blättern und weißen bis rosafarbenen Blütendolden. Ihr Duft ist herb und aromatisch.
Wirkung: In der Volksheilkunde wird Schafgarbe bei Verdauungsbeschwerden, Völlegefühl und Krämpfen geschätzt. Ihre Bitterstoffe regen die Verdauung an, weshalb sie gut nach schweren Mahlzeiten passt.
Fundort: Wiesen, Wegränder, Böschungen und trockene Grasflächen, Geerntet werden Blüten und zarte obere Pflanzenteile während der Blüte im Sommer.
Anwendung: 1–2 TL getrocknetes Kraut mit 200 ml heißem Wasser übergießen, 8–10 Minuten ziehen lassen. Lauwarm oder abgekühlt trinken. Nicht dauerhaft und nicht in großen Mengen verwenden; bei Korbblütler-Allergie vorsichtig sein.


Lindenblüten-Kaltgetränk
Pflanze: Die Sommerlinde oder Winterlinde (Tilia) erkennt man an ihren herzförmigen Blättern und den duftenden, gelblich-weißen Blüten mit dem typischen länglichen Hochblatt. Ihr Duft ist süß, warm und honigartig.
Wirkung: Lindenblüten werden traditionell bei beginnenden Erkältungen, innerer Unruhe und zum sanften Schwitzen geschätzt. Als abgekühlter Tee oder Kaltgetränk wirken sie wohltuend, mild und ausgleichend an warmen Tagen.
Fundort: Parks, Alleen, Dorfplätze, Gärten und Waldränder. Blütezeit: meist Juni bis Juli. Gesammelt werden nur frisch aufgeblühte, trocken geerntete Blüten samt Hochblatt.
Anwendung: 2 Handvoll frische Lindenblüten mit 1 Liter heißem Wasser übergießen, 10–15 Minuten zugedeckt ziehen lassen und abseihen. Abkühlen lassen, mit etwas Honig und Zitronensaft verfeinern und gut gekühlt servieren. Auch mit Apfelsaft verdünnt entsteht ein mildes Sommergetränk für die ganze Familie.


Haut, Sonne & kleine Sommerwehwehchen
Rosenblütenwasser für Haut und Seele
Pflanze: Duftrosen und Wildrosen gehören zu den schönsten Sommerblüten. Verwendet werden ungespritzte, stark duftende Blütenblätter, am besten frisch am Morgen gesammelt.
Wirkung: Rosenblüten gelten traditionell als hautberuhigend, kühlend und stimmungsaufhellend. Ihr Duft wird mit Herz, Trost und innerer Weichheit verbunden.
Fundort: Gärten, Hecken und naturnahe Rosensträucher. Wichtig: Nur ungespritzte Blüten verwenden, nicht aus dem Blumenhandel.
Anwendung: Eine Handvoll Blütenblätter mit 250 ml heißem Wasser übergießen, 20 Minuten zugedeckt ziehen lassen und abseihen. Abgekühlt als Gesichtswasser, Kompresse oder duftender Badezusatz verwenden. Im Kühlschrank aufbewahren und innerhalb weniger Tage verbrauchen.

Ringelblumensalbe für trockene und gereizte Haut
Pflanze: Die Ringelblume (Calendula officinalis) ist eine leuchtend orange bis gelb blühende Gartenpflanze. Ihre Blüten öffnen sich bei Sonne und werden seit Jahrhunderten in der Hausapotheke geschätzt.
Wirkung: Ringelblume gilt als hautberuhigend, entzündungshemmend und wundheilungsfördernd. Sie wird traditionell bei trockener, rissiger Haut, kleinen Schürfstellen und rauen Händen verwendet.
Fundort: Vor allem in Gärten, Hochbeeten und Bauerngärten. Geerntet werden die Blütenköpfe von Juni bis September an trockenen Tagen.
Anwendung: 2 Handvoll Blüten in 250 ml Öl sanft erwärmen, 30 Minuten ziehen lassen, abseihen und mit 25 g Bienenwachs nochmals schmelzen. In saubere Döschen füllen. Nicht auf tiefe oder stark nässende Wunden geben.

Spitzwegerich-Balsam bei Insektenstichen
Pflanze: Spitzwegerich (Plantago lanceolata) besitzt schmale, lanzettliche Blätter mit deutlichen Längsrippen. Er wächst als bodennahe Rosette und ist sehr robust.
Wirkung: Spitzwegerich wird traditionell als reizlindernd, entzündungshemmend und hautberuhigend verwendet. Frisch zerdrückte Blätter gelten als schnelles Hausmittel bei Insektenstichen oder kleinen Hautreizungen.
Fundort: Wiesen, Wegränder, Parks und Gärten. Junge, saubere Blätter können von Frühling bis Spätsommer gesammelt werden.
Anwendung: Für einen einfachen Balsam frische Blätter klein schneiden, in Öl sanft erwärmen, abseihen und mit etwas Bienenwachs eindicken.





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