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Kein Leben ohne Aggression: Wie gesunde Wut schützt

  • Autorenbild: Lisa Gutzelnig
    Lisa Gutzelnig
  • 15. Juli
  • 8 Min. Lesezeit

Prävention beginnt im Alltag.

Der „Heilkraft Natur“ Newsletter liefert regelmäßig Anregungen für einen bewussteren Umgang mit der eigenen Gesundheit.



Aggression gilt in unserer Gesellschaft weitgehend als destruktiv. Dabei sind aggressive Impulse unverzichtbar, um sich zu behaupten und Beziehungen aktiv gestalten zu können. Beim Begriff „Aggression“ denken viele zunächst an Zerstörung, Wut oder sogar Gewalt. Doch das greift zu kurz.


Welche tiefgreifenden positiven Funktionen dieses Gefühl haben kann und wie uns unsere aggressiven Impulse – in gesunder Form – stabilisieren und handlungsfähig halten, wird oft unterschätzt. Ein Plädoyer für unsere alltäglichen Aggressionen, die uns gesund halten und unser Überleben sichern.


Negative Konnotation ist gesellschaftlich tief verankert


Viele von uns wachsen mit der Ermahnung auf: „Sei nicht so aggressiv.“ Im Grunde hatten unsere Eltern recht, denn wer mag schon Streit, Feindseligkeit und Konfrontation? Doch wer gar keinen Zugang zu seinen aggressiven Impulsen hat, kann seelisch und körperlich auf Dauer leiden. Beschwerden melden sich oft dann, wenn wir zu häufig gegen unser eigenes Empfinden handeln und unsere innere Stimme zum Schweigen bringen. Wenn wir nicht auf das hören, was uns eigentlich sagt: „Das tut mir nicht gut.“ Wenn wir fortlaufend unsere inneren, aggressiven Impulse unterdrücken, weil wir zu sehr dem gesellschaftlichen Gebot folgen, dass man ‚das‘ nicht macht – kann es im Körper unruhig werden. Man kann dem Körper lange Zeit zurufen: „Halt die Klappe!“, aber wenn wir das zu lange machen, mögen wir uns irgendwann selbst nicht mehr, denn wir haben eigentlich das Wertvollste und Kostbarste in uns selbst verloren: den Zugang zu unserer inneren Stimme.


Trügerisches Ideal


Das Ideal absoluter Harmonie und völliger Losgelöstheit von Aggression kann trügerisch sein. Es ist nachvollziehbar, dass wir Friedlichkeit und ein harmonisches Miteinander als erstrebenswert ansehen. Aggressive Impulse stören dieses Ideal und das Bild, das wir von uns selbst haben. Sie verunsichern uns und stellen unser Selbstbild als freundliche, liebevolle Mitmenschen infrage.


Dabei gibt es keine echte Liebe ohne die Fähigkeit zur Abgrenzung – und damit auch nicht ohne einen Anteil an Aggression. Das lateinische Wort aggredere bedeutet „auf etwas zugehen“ beziehungsweise „etwas in Angriff nehmen“. Aggression ist in diesem ursprünglichen Sinne zunächst eine zugewandte, aktive Energie, die uns befähigt, für uns selbst einzustehen und in Kontakt zu treten. Auch sexuelles Begehren hat mit Selbstbehauptung und Selbstfürsorge zu tun; es kommt nicht völlig ohne aggressive Energie aus. Wer diese Impulse dauerhaft unterdrückt, wird auf lange Sicht aggressionsgehemmt. Es fehlt dann nicht nur die Kraft, sich abzugrenzen, sondern oft schon die Fähigkeit, Konflikte überhaupt zu erkennen, geschweige denn die Kraft, sie konstruktiv zu lösen.


Grenzsetzungen und Reaktionen darauf machen eigenes Sein erst spürbar


Kraftvolle Impulse stehen nicht für sich allein. Sie sind in unsere Beziehungswelt eingebettet. Dort werden sie gespiegelt, interpretiert und beantwortet. Sie eröffnen uns einen Kommunikationskanal.


Die Diplompsychologin und Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer beschreibt dieses Phänomen sehr eindrucksvoll in einem Interview mit der Zeitschrift Psychologie Heute: „Jeder Mensch beansprucht einen Platz für sich. Er mag so groß wie der Kreis sein, den wir mit ausgestreckten Armen um uns herum freihalten können. Wollen wir in Beziehung treten, treffen wir zwangsweise an die Grenze eines anderen Kreises. Da, wo sich die beiden überschneiden und berühren, kann es erst zu Nähe und Kontakt kommen, zu Wärme, Lust und Verschmelzungserfahrungen.“ *


Wenn Nähe Reibung braucht - Streit muss nicht trennen. Er kann zeigen, wo Grenzen verlaufen und was in einer Beziehung unausgesprochen bleibt. Foto: Shutterstock
Wenn Nähe Reibung braucht - Streit muss nicht trennen. Er kann zeigen, wo Grenzen verlaufen und was in einer Beziehung unausgesprochen bleibt. Foto: Shutterstock

Natürlich birgt die Berührung dieser beiden Räume immer wieder Interessenkonflikte. Wo sie sich überschneiden, wird gestritten, ausgehandelt, verhandelt, verzichtet, gewonnen und auch verloren – und all das im Sinne des Erhalts der Beziehung. Solche Auseinandersetzungen können jedoch auch eskalieren und, so die Psychologin, in eine „destruktive Trennungsaggression“ umschlagen, die die Beziehung unterschwellig untergräbt und letztlich beschädigt zurücklässt.


Beziehung als Spiel an den Grenzen des anderen


Es mag zunächst nicht für jeden unmittelbar einleuchtend erscheinen, dass wir bereits vor unserer Geburt mit Aggression in Berührung kommen. Dennoch weiß jede Mutter, dass die Tritte eines Kindes im Mutterleib nicht immer angenehm sind. Gleichzeitig werden sie häufig als Ausdruck vitaler Lebendigkeit erlebt und oftmals sogar freudig begrüßt. Bereits hier begegnet uns Aggression in ihrer ursprünglichen Bedeutung: als kraftvolle, nach außen gerichtete Bewegung, die nicht negativ bewertet wird, sondern vielmehr als Zeichen von Leben und Entwicklung erscheint.


Auch der Geburtsprozess selbst ist von einer aggressiven Dynamik geprägt. Das Kind wird mit erheblicher Kraft durch den Geburtskanal gedrängt – ein intensiver Vorgang, der sowohl von der Mutter als auch vom Kind körperlich erfahren wird. Grenzen werden dabei berührt, überschritten und neu gestaltet. In diesem Sinne zeigt sich bereits zu Beginn des menschlichen Lebens, dass Entwicklung stets mit Bewegung an Grenzen verbunden ist. Leben bedeutet nicht bloß Anpassung, sondern immer auch das aktive Vordringen in einen Raum, der zunächst nicht selbstverständlich zur Verfügung steht. Mit unseren Abgrenzungsimpulsen schaffen wir Raum für uns selbst, ohne die Beziehung zum Gegenüber vollständig aufzugeben. Schon am Beginn unseres Lebens wird also deutlich, dass Beziehung ein ständiges Aushandeln von Nähe und Distanz ist – ein Spiel an Grenzen, das auch Grenzüberschreitungen einschließen kann. Diese können lustvoll, neugierig oder spielerisch sein, etwa in der Sexualität oder im sportlichen Wettkampf. In diesem Kontext kann aggressive Energie sogar zum Lustgewinn beitragen.


Davon zu unterscheiden sind jedoch Grenzverletzungen. Kommt es zu verbaler, körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt, handelt es sich nicht mehr um eine wechselseitige und spielerische Erkundung von Grenzen, sondern um Übergriffe, die die Integrität und Würde des anderen verletzen. Solche Handlungen sind darauf gerichtet, Macht auszuüben, zu verletzen oder zu kontrollieren, und fügen Betroffenen Schaden zu. Während Grenzerfahrungen und Grenzerkundungen für menschliche Entwicklung und Beziehung grundlegend sind, markieren Grenzverletzungen eine klare Zäsur: Die Freiheit und Unversehrtheit des anderen werden missachtet.


Angst vor Aggression


Die zunehmende Sensibilisierung für destruktive und verletzende Formen von Aggression ist eine wichtige Errungenschaft. Es ist aber ein Irrglaube anzunehmen, dass aggressive Affekte durch Verbote aus der Gesellschaft verschwinden, denn sie suchen sich einen anderen Weg und einen anderen Ausdruck. Subtiler und unterschwelliger kommt dann zum Ausdruck, was nicht gesellschaftskonform ist. Wir verleugnen es, „weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“


Kraftvoller Anfang im Leben - Schon vor dem ersten Atemzug zeigt sich Leben als Bewegung, voller Kraft, Nähe und feinem Gespür für Grenzen. Foto: Shutterstock
Kraftvoller Anfang im Leben - Schon vor dem ersten Atemzug zeigt sich Leben als Bewegung, voller Kraft, Nähe und feinem Gespür für Grenzen. Foto: Shutterstock

Viele Menschen haben Angst vor Zurückweisung, Ablehnung oder Liebesentzug, wenn sie ihre aggressiven Affekte nicht im Griff haben. Und das nicht ohne Grund. Viele wurden schon von Kindesbeinen an mit Liebesentzug bestraft. Ein Kind, das Angst vor Strafe und Liebesentzug haben muss, wenn es seine Wut zeigt, bleibt oft mit Schamgefühlen zurück. Später kann es dazu neigen, seine Emotionen in passiveren Formen zum Ausdruck zu bringen. Emotionales Verstummen, Affektstörungen, Ignorieren oder chronische Gekränktheit können Folgen sein. Aber auch Depressionen und psychosomatische Störungen können sich durch unterdrückte Aggressionen bilden, denn die Aggression richtet sich irgendwann gegen das eigene Selbst und kann sich auch über den Körper ausdrücken. Wenn ein Kind lernt: „Meine Wut gefährdet Beziehung“, dann ist es nachvollziehbar, dass es Strategien entwickeln wird, um diese Wut zu unterdrücken oder zumindest umzuleiten. Es wäre jedoch zu pauschal und linear formuliert, dass unterdrückte Aggression zwangsläufig zu Depression oder psychosomatischen Erkrankungen führen. Denn Temperament, Beziehungserfahrungen, soziale Unterstützung und erlernte Bewältigungsstrategien spielen ebenfalls eine Rolle. All diese Faktoren greifen ineinander wie Zahnräder und das Leid entsteht erst durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren.


Konsequenz


Es gibt Situationen, in denen wir durch unsere oft unbewusst schlummernde Aggression beschließen, eine Entscheidung zu treffen. Zum Beispiel, sich von seinem Partner zu trennen oder die ewigen Klagen der Nachbarin nicht mehr anzuhören. Nun ist es notwendig, erbarmungslos und konsequent zu bleiben. Es macht keinen Sinn, mit dem Ex-Partner auf dessen Wunsch noch einmal in den Urlaub zu fahren, oder sich die Leidensgeschichte der Nachbarin zum zehnten Mal anzuhören oder sich mit einer Freundin auf einen Kaffee zu treffen, die man eigentlich gar nicht leiden kann. In seinem Leben auch erbarmungslos sein zu können, auch wenn andere darum bitten oder gar ins Drohen verfallen, ist eine Kunst, die das Leben lebenswert macht. Aggression führt uns zu Entscheidungen und ist zutiefst nützlich. Gemeinsam mit dem Hass liefert sie uns wichtige Botschaften. Die beiden Emotionen haben eine grandiose Schutzfunktion inne und weisen uns darauf hin, dass wir nicht unbegrenzt Zeit und Energie zur Verfügung haben. Und dass wir unsere kostbare Zeit für das nutzen sollten, was uns selbst dient und uns wirklich am Herzen liegt.


Streit unter Kindern ist nicht nur laut, sondern oft ein erstes Ringen um Raum, Nähe und Selbstbehauptung. Foto: Shutterstock
Streit unter Kindern ist nicht nur laut, sondern oft ein erstes Ringen um Raum, Nähe und Selbstbehauptung. Foto: Shutterstock

Werden wir uns dessen bewusst, kappen wir Freundschaften, die uns nur Kraft kosten, wir meiden Menschen, die uns Zeit und kostbare Energie stehlen und uns keine Freude bereiten. Und all dies verdanken wir unserem unfehlbaren Indikator, der uns darauf hingewiesen hat, dass „da etwas nicht stimmt“. Wenn wir etwas Neues oder Besseres schaffen wollen, müssen wir etwas Altes oder Schlechteres erst abschaffen. Bereits in unserem inneren Impuls des „Weg damit!“ ist viel aggressive Energie spürbar. Auch Psychologin Ann Kathrin Scheerer ist sich sicher, „in einem Streit unter Lebensgefährten ist zum Beispiel der Ausdruck von Unzufriedenheit und Empörung notwendig, um die Verbundenheit und das Miteinander zu erhalten.“ Ein Beziehungsstreit darf nach der Psychologin ruhig auch leidenschaftlich sein und sich wie ein sportlicher Wettkampf anfühlen.


Im Wechselspiel zwischen Verbundenheit und Abgrenzung liegt Entwicklung


Aggressive Impulse sind gesund und lassen uns vorankommen. Wenn es keine kindliche Aggression gegeben hätte, dann würden wir wahrscheinlich heute noch auf dem Sandspielplatz sitzen und darauf warten, dass Julian uns freiwillig die Sandschaufel zurückbringt. Ohne aggressive Impulse hätten wir uns mit unserem kleinen Kinderkörper nicht aufgerappelt und hätten nicht die Hände in die Hüften gestemmt und von Julian lautstark unsere Schaufel zurückgefordert. Wir wären auch nicht auf alternative Spielzeugsuche gegangen, hätte Julian die Schaufel nicht zurückgegeben. Wir würden nicht für uns einstehen, sondern warten, dass uns das Leben gnädig etwas anbietet. Ein leidenschaftliches Kleinkind ist zwangsweise auch rücksichtslos gegenüber sich selbst und anderen und richtet seine Energie gegen ALLES, was seiner unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung im Weg steht. Erst später wird es lernen, Verzicht zu üben, zu verhandeln oder Geduld zu haben. Dennoch ist es genau sie – die Aggression – die alles ins Rollen bringt und alles möglich macht. Genau in diesem Moment, auf dem Sandspielplatz, mit den Tränen, dem Schmerz und der Ohnmacht in den Kinderaugen. Nachdem sich das Kind hingesetzt hat und dem Schmerz über den Verlust der Schaufel kurz Raum gegeben hat, wird es sich aufraffen und auf die Suche gehen, um seine Schaufel zurückzuholen. Es wird natürlich und ohne nachzudenken für seine Bedürfnisse einstehen. Später wird das Kind den Zusammenhang zwischen Wut und Liebesbeziehungen erfahren, es wird das erste Stadium der Verliebtheit hinter sich lassen, und mit einem Nein in der Liebe zurechtkommen müssen. Es wird lernen, Kritik zu äußern und anzuhören und seine Aggression ins Spiel zu bringen, ohne das Verbindende zu zerstören. Es wird die Erfahrung machen, dass Wut verraucht, Nachdenken hilft und heiße Wut dem Denken oft im Weg steht.


Fazit


Wir kommen auf die Welt und erfahren zunächst, wie eng wir mit einem anderen Menschen verbunden sein können. Im Laufe der Adoleszenz beginnt eine zunehmende Abgrenzung von den Eltern. Dabei wird deutlich: Individuation entsteht in bestimmten Entwicklungsphasen vor allem durch Abgrenzung.


Auch Gruppen bilden ihre Identität nicht nur durch den Blick nach innen, sondern vor allem durch den Blick nach außen. Nämlich durch die Frage: „Wer sind wir nicht?“ Diese Dynamik ist tief im Menschsein verankert. Gerade in intensiven Entwicklungsphasen lässt sie sich kaum vermeiden, denn vieles geschieht über Abgrenzung und aggressive Impulse.


Auf Phasen gegenseitiger Bereicherung folgt daher immer wieder ein Impuls zur Abgrenzung. Ein inneres Signal, das sagt: „Du bist nicht ich.“ Entscheidend ist dabei die Frage: Wo unterstützt uns unsere Aggression, und wo beginnt sie, uns einzuengen oder das zu zerstören, was uns eigentlich wichtig ist? Hier wach und aufmerksam zu bleiben, ist zentral.

 
 
 

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