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Wenn der Körper schmerzt: Somatisierungsstörungen

  • Autorenbild: Lisa Gutzelnig
    Lisa Gutzelnig
  • 5. Aug.
  • 7 Min. Lesezeit

Viele Schmerzpatienten haben, bevor sie eine Psychotherapie in Erwägung ziehen, bereits zahlreiche ärztliche Abklärungen hinter sich. Nicht selten wurde ihnen dabei vermittelt, organisch sei nichts zu finden und sie seien eigentlich gesund – während die Beschwerden für sie sehr real und belastend bleiben. Gerade starke Schmerzen nähren die Sorge, es könne doch eine ernsthafte körperliche Erkrankung dahinterstehen. Wird dann eine psychosomatische Erklärung angeboten, empfinden Betroffene sie mitunter als Notlösung: als Diagnose, die erst dann ins Spiel kommt, wenn die Medizin keine eindeutige organische Ursache nachweisen kann.


  • Bild: Shutterstock.com

Vor diesem Hintergrund ist Skepsis gegenüber einer Psychotherapie nachvollziehbar. Therapeutinnen und Therapeuten müssen deshalb zunächst Sicherheit geben, Vertrauen ermöglichen und verständlich machen, weshalb körperliche, seelische und soziale Einflüsse gemeinsam betrachtet werden sollten.


„Danke, Schmerz, dass du gekommen bist – auch mit dir werde ich fertig.“ Diese innere Haltung kann sich erst entwickeln, wenn wir bereit sind, Schmerzen nicht nur zu vermeiden, sondern sie als notwendigen Teil unseres Lebens anzunehmen. Gerade durch Herausforderungen entsteht die Möglichkeit, Vertrauen in die eigene Bewältigungsfähigkeit aufzubauen. Wenn wir jedoch an starren Denkmustern festhalten, die Schmerzen ausschließlich als Störung oder Bedrohung betrachten, sitzen wir gewissermaßen auf dem falschen Ast. Erst ein veränderter Blick auf Schwierigkeiten eröffnet neue Handlungsspielräume und stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Ein zentraler Bestandteil der therapeutischen Arbeit besteht also darin, die Aufmerksamkeit behutsam umzulenken. Gerade bei schmerzgeplagten Patienten ist es wichtig, sie dabei zu unterstützen, wieder Vertrauen in ihren Körper und dessen Funktionsfähigkeit zu entwickeln.


Bild: Bettina Hemmelmayr
Bild: Bettina Hemmelmayr

Bettina Hemmelmayr, Dipl.-Päd., ist Pädagogin und Psychotherapeutin (SF) in Ausbildung unter Supervision und arbeitet in freier Praxis in Linz. Darüber hinaus ist sie in der Familienberatungsstelle Zellkern mit schwer und chronisch kranken Menschen sowie deren Angehörigen tätig und begleitet im Beratungszentrum Alleinerziehend Kinder und Jugendliche.






Nach dem klassischen psychoanalytischen Konversionsmodell können seelische Konflikte, die dem Bewusstsein nicht unmittelbar zugänglich sind, in körperlichen Beschwerden Ausdruck finden. Solche Symptome gelten dann nicht als zufällige Körperreaktion, sondern als verschobene Form innerer Spannung. Damit ein Konflikt direkt psychisch bearbeitet werden könnte, müsste er benennbar, emotional differenzierbar und sprachlich oder symbolisch fassbar sein. Fehlen diese Möglichkeiten, etwa weil Gefühle abgewehrt oder nur schwer wahrgenommen werden, kann die Auseinandersetzung mit dem Konflikt gewissermaßen über den Körper laufen.


Auch belastende Erfahrungen, etwa Bedrohung, Gewalt oder Missbrauch, können Körper und Psyche stark beanspruchen. Gelingt es nicht, solche Erlebnisse einzuordnen und zu verarbeiten, kann sich die innere Belastung auch körperlich bemerkbar machen.


Manche therapeutischen Konzepte verstehen körperliche Symptome als eine Art Botschaft, deren Bedeutung erst gemeinsam erschlossen werden muss. Wichtig ist dabei, Betroffene nicht zu belehren oder ihre Beschwerden vorschnell zu deuten. Hilfreicher ist ein gemeinsamer Suchprozess: Was erlebt der Mensch? Welche Belastungen wirken auf ihn ein? Welche Rolle spielen Beziehungen, Lebensgeschichte, Stress und körperliche Empfindungen? Auf diese Weise bleibt die Deutungshoheit nicht allein bei der Fachperson, sondern wird im Dialog mit den Betroffenen geteilt. So entsteht ein Gespräch, in dem neue Bedeutungen und Handlungsmöglichkeiten entwickelt werden können.


Körper, Psyche und Umfeld


Systemisch betrachtet lassen sich körperliche Beschwerden nicht losgelöst von seelischem Erleben und sozialer Einbettung verstehen. Was im Körper geschieht, wird von der Psyche fortwährend registriert, eingeordnet und mit Bedeutung versehen. Meist läuft diese Wahrnehmung im Hintergrund ab; wir schenken dem Körper nicht ununterbrochen bewusste Aufmerksamkeit. Sobald jedoch etwas fremd, schmerzhaft oder bedrohlich wirkt, tritt der Körper deutlich ins Bewusstsein. Hält ein solches Empfinden an, wächst der Wunsch, es einordnen zu können. Viele Betroffene suchen die Erklärung zunächst im Organischen, was naheliegt, weil der Schmerz körperlich spürbar ist.


Wie die Psyche den Körper deutet


Aus systemischer Sicht, wie sie Hans Lieb beschreibt, entstehen psychosomatische Beschwerden auch aus der Art, wie Psyche und Körper aufeinander bezogen sind. Im Mittelpunkt steht, welche Bedeutung die Psyche körperlichen Signalen gibt: wie sie sie wahrnimmt, einschätzt und vor allem bei unerwarteten oder schmerzhaften Empfindungen einordnet (vgl. Lieb 2014, S. 5–6).


Das soziale Umfeld mitdenken


Viele Behandlungsansätze konzentrieren sich vor allem auf das innere Erleben des einzelnen Menschen. Der systemische Blick erweitert diese Perspektive: Auch Familie, Partnerschaft, Arbeit, soziale Rollen und unausgesprochene Erwartungen können daran beteiligt sein, wie Beschwerden entstehen, sich verfestigen oder wieder nachlassen. Wenn ein Mensch dauerhaft funktionieren muss, kaum Nein sagen darf oder in einem Umfeld lebt, in dem Konflikte nicht offen ausgesprochen werden können, kann das erheblichen inneren Druck erzeugen. Dieser Druck bleibt nicht folgenlos. Er kann sich im Erleben, im Verhalten und mitunter auch im Körper bemerkbar machen.


Ein Beispiel: Wer über längere Zeit unter starkem psychischem Druck steht, erlebt häufig auch körperliche Reaktionen – etwa Anspannung, Schlafprobleme, Herzklopfen oder Schmerzen. Nicht immer ist dabei eindeutig zu trennen, was „körperlich“ und was „seelisch“ ist. Vielmehr beeinflussen sich beide Ebenen gegenseitig. Auch starre Regeln in der Familie, unausgesprochene Verbote oder Tabus können dazu beitragen, dass eigene Wünsche und Grenzen dauerhaft in den Hintergrund rücken. Die Folge kann ein Zustand innerer Anspannung sein, an den der Körper auf seine Weise anschließt.


Behutsam hinschauen: Psychosomatische Beschwerden brauchen keine vorschnellen Deutungen, sondern einen achtsamen gemeinsamen Suchprozess. Bild: Shutterstock.com
Behutsam hinschauen: Psychosomatische Beschwerden brauchen keine vorschnellen Deutungen, sondern einen achtsamen gemeinsamen Suchprozess. Bild: Shutterstock.com

Wie Beziehungen Symptome beeinflussen


Verändert sich das soziale Umfeld, kann sich auch das innere Erleben verändern. Genau hier liegt eine wichtige Chance therapeutischer Arbeit. Wenn innerhalb einer Familie anders gesprochen, anders zugehört oder anders mit Grenzen umgegangen wird, kann das für den Betroffenen entlastend wirken. Konflikte, die zuvor unterschwellig gebunden waren, können ausgesprochen werden. Dadurch sinkt im besten Fall der psychische Druck – und mit ihm auch die körperliche Alarmbereitschaft. Darum können familien- und systemtherapeutische Ansätze bei psychosomatischen Beschwerden entlastend wirken: Sie richten den Blick nicht nur auf die einzelne Person, sondern auch auf Beziehungsmuster und Lebensumstände, in denen Symptome entstehen und Bedeutung gewinnen. So kann eine Veränderung im sozialen Miteinander auch körperlich entlastend wirken.


Fazit


Die Arbeit mit psychosomatischen Schmerzen zeigt, wie eng Körper und Psyche miteinander verbunden sind und wie wichtig ein ganzheitlicher Behandlungsansatz ist. Wir befinden uns an einem Wendepunkt – an einem Punkt, an dem wir erkennen könnten, dass wir keine vom Leben getrennten Existenzen sind, sondern selbst Teil des Lebens. Das Leben ist kein Dienstleister, den wir beliebig formen, zurechtbiegen oder nutzen können. Wenn wir versuchen, es zu kontrollieren und für unsere Zwecke zu instrumentalisieren, machen wir letztlich uns selbst zum Objekt – und entfernen uns immer weiter von unserer eigenen Lebendigkeit.


Gleichzeitig gibt es da ein grundlegendes menschliches Bedürfnis: das Bedürfnis nach Verbundenheit – also danach, angenommen zu sein, ohne sich anstrengen zu müssen – und das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und Gestaltung. Schon ein Kind bringt diese Bedürfnisse mit. Es erschließt sich die Welt aktiv, entwickelt ein Gefühl von Kohärenz und erlebt sich zunächst als Gestalter, als wirksam und verbunden.


Doch viele Kinder wachsen in eine Welt hinein, in der Erwachsene selbst diese Verbundenheit kaum noch spüren und daher auch nicht weitergeben können. Das Kind lernt dann früh, dass es sich anpassen muss, um dazuzugehören und „zu funktionieren“. Das Autonomiebedürfnis wird zurückgestellt. Statt echter Resonanz erhält es oft kognitive Erklärungen anstelle von emotionalem Verständnis. Wiederholt sich diese Erfahrung, kann es dazu führen, dass empathisches Erleben zunehmend in den Hintergrund tritt und durch rein verstandesmäßige Deutungen ersetzt wird.


So entsteht eine Lebensweise, in der Gefühle und Verbundenheit immer weniger Raum haben. Wir orientieren uns stärker an dem, was messbar, kontrollierbar und verwertbar ist, und verlieren dabei den Kontakt zu unserer eigenen Lebendigkeit, zur Welt um uns herum und zu unserem Körper. Die ursprünglich zusammenhängende, lebendige Welt wird in Einzelteile zerlegt – auch, um sie besser beherrschen und nutzen zu können.


Ein weiterer zentraler Punkt betrifft unsere natürliche Entdeckerfreude und Gestaltungslust. Viele Menschen haben früh erlebt, dass diese Impulse begrenzt oder unterdrückt wurden – oft bereits im Elternhaus. Dadurch kommen Kinder häufig schon angepasst in die Schule, haben gelernt, ihre Neugier zu dämpfen und sich äußeren Anforderungen zu fügen. Das Bildungssystem setzt dann häufig nur fort, was zuvor begonnen hat. Und der Körper leidet. All diese wichtigen Details in der Vorgeschichte eines Menschen werden bei Somatisierungsstörungen oftmals vergessen.


Die entscheidende Frage lautet daher: Wie können wir Bedingungen schaffen, in denen Kinder ihre Lebendigkeit, ihre Neugier und ihren Gestaltungswillen bewahren dürfen – und gestärkt ihren eigenen Weg gehen können? Was können wir also tun, damit unsere Kinder später nicht erst durch körperliche Schmerzen ausdrücken müssen, dass ihnen etwas fehlt?


Das Ziel ist:


Ein Leben abseits der Körperfokussierung


Der Aufenthalt in der Natur kann bei psychosomatischen Beschwerden eine wertvolle unterstützende Wirkung entfalten, da er sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene ansetzt. Natürliche Umgebungen wirken beruhigend auf das Nervensystem, reduzieren Stress und helfen, den Körper aus einem Zustand anhaltender Anspannung zu lösen. Gleichzeitig lenken die vielfältigen Sinneseindrücke der Natur die Aufmerksamkeit weg von der intensiven Beschäftigung mit körperlichen Symptomen hin zur äußeren Umgebung. In Kombination mit sanfter Bewegung fördert dies ein positiveres Körpererleben und kann dazu beitragen, den Kreislauf aus Selbstbeobachtung, Angst und verstärkten Beschwerden zu durchbrechen. Dadurch wird es Betroffenen erleichtert, wieder Vertrauen in ihren eigenen Körper zu entwickeln.

Herausforderungen der Therapie


Erlebtes und erzähltes Leben


Menschen erzählen sich und anderen fortwährend Geschichten über ihr Leben – und manchmal beginnen diese Geschichten, das eigene Selbstbild zu prägen. Werden sie immer wieder auf dieselbe Weise erzählt, können sie sich zu persönlichen Gewissheiten verdichten, die kaum noch hinterfragt werden. Auch Schmerzgeschichten folgen häufig solchen eingespielten Mustern: Viele Betroffene schildern ihre Beschwerden routiniert, fast automatisch. Systemisch betrachtet genügt es deshalb oft nicht, dieselbe Erzählung erneut zu wiederholen. Hilfreicher kann es sein, sie zu verändern, neue Blickwinkel einzunehmen und dadurch festgefahrene Deutungen vorsichtig zu lösen.


Was wir erlebt haben und wie wir es erzählen, beeinflusst sich gegenseitig. Verändert sich die Erzählung, kann sich daher auch das Erleben verschieben. Therapeutisch kann es sinnvoll sein, den automatischen Erzählfluss achtsam zu unterbrechen und genauer nach einzelnen Momenten, Gefühlen und Bedeutungen zu fragen. Ebenso kann es hilfreich sein, den Patienten ihre Geschichte einmal aus Sicht einer außenstehenden Person oder eines Objekts erzählen zu lassen. Welche Version der Geschichte würde die Schwester schildern? Was hätte der Hund bemerkt, seit die Schmerzen da sind? Und wie würde das betroffene Knie selbst berichten? Auf diesem Umweg kann eine Erzählung entstehen, die auch für den Klienten neu klingt.


Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, um mit Geschichten zu arbeiten:

  • Welche Geschichte würde Ihr Körper über Sie erzählen – und welche würde er verschweigen?

  • Wer aus Ihrer Familie würde Sie auf welche Weise beschreiben?

  • Was könnten Ihre Enkel später über diese Zeit sagen?

  • Welche Erzählungen über Sie gab es vielleicht schon vor Ihrer Geburt?


Wenn der Körper zur Identität wird


In der therapeutischen Praxis begegnen Therapeuten häufig Menschen, deren Aufmerksamkeit stark um ihren Körper kreist. Der Schmerz, die Diagnose oder die körperliche Einschränkung sind dann nicht mehr nur ein Teil des Lebens, sondern beginnen, das Selbstbild zu bestimmen. Betroffene erleben sich nicht selten vor allem als krank, benachteiligt, eingeschränkt oder wertlos. Eine wichtige Aufgabe der Therapie kann deshalb darin bestehen, gemeinsam Ziele zu entwickeln, die den Schmerz vielleicht nicht sofort beseitigen, aber das Leiden daran verringern. Es geht darum, den Menschen wieder größer werden zu lassen als sein Symptom.


Solche Identitätsfragen zeigen sich zum Beispiel in folgenden Selbstbeschreibungen rund um Körper, Geschlecht, Alter, Krankheit oder Aussehen:


  • Ich erlebe mich als Frau oder Mann, jung oder alt – und dadurch benachteiligt.

  • Ich bin krank, behindert oder äußerlich gezeichnet und fühle mich weniger wert.

  • Ich bin zu dick und bekomme deshalb weniger Anerkennung.

  • Abwertung, Benachteiligung und Ausgrenzung im sozialen Umfeld können das Selbstbild erschüttern und Gefühle von Unsicherheit, Zweifel und Enttäuschung verstärken.


 
 
 

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