Artensterben: Wenn die Natur verstummt und warum das gefährlich ist
- Lisa Gutzelnig

- 19. Apr.
- 7 Min. Lesezeit
Stellen Sie sich vor, Sie öffnen am Morgen die Augen – und es ist still. Keine klangvollen Rufe der Amseln, die sonst den neuen Tag ankündigen. Kein sanfter Flügelschlag, kein fröhliches Zwitschern und kein Rascheln im Gebüsch. Nur eine bedrückende, fremde Leere, die selbst die vertrautesten Orte unheimlich wirken lässt. Eine Welt ohne Vögel wäre nicht nur leiser – sie wäre auch ärmer, farbloser, entkoppelt von dem lebendigen Atem, der unsere Landschaften seit Jahrtausenden prägt. Wenn keine Tierstimmen mehr durch die Luft klingen, verlieren wir mehr als bloß eine Geräuschkulisse – wir verlieren ein Stück unseres eigenen Lebensgefühls. Denn der Mensch fühlt sich in der Natur zu Hause, hat das Gefühl von Heimat, für viele ist die Natur sogar Teil der eigenen Identität, andere definieren sich über ihre Zeit in der Natur – sei es durch Sport oder bestimmte Wanderrouten.
Diese Vorstellung mag dystopisch wirken und erinnert an fiktive, aber bedrückend echt wirkende Filmszenen aus dem Drama „Leave the World Behind“, doch sie zeigt, was auf dem Spiel steht. Der fortschreitende Verlust der Biodiversität betrifft nicht nur ferne Ökosysteme oder seltene Arten – er bedroht die Klangkulisse, die Atmosphäre und das natürliche Gleichgewicht unserer gesamten Welt. Eine stumme Erde wäre eine tote Erde. Und genau diese Zukunft zeichnet sich ab, wenn wir das massenhafte Sterben von Tierarten weiter zulassen. Es ist Zeit, aufzuwachen und endlich hinzuhören, bevor endgültig verstummt, was unsere Welt lebendig macht.
Es gibt aussagekräftige Untersuchungen über die Biodiversität in Parks und darüber, wie viele Vögel dort angesiedelt sind. In der Nähe der Parks, die eine hohe Biodiversität haben, gibt es nachweisbar weniger psychische Erkrankungen, weniger Depressionen und weniger Angststörungen – bis zu den Hinweisen darauf, dass Apotheken in der Umgebung weniger Medikamente gegen diese Krankheiten verkaufen. Die psychischen Auswirkungen von Biodiversität auf uns Menschen sind also messbar.
Die Biologin Katrin Böhning-Gaese ist seit September 2024 wissenschaftliche Geschäftsführerin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Außerdem ist sie Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung. Für sie ist sicher: Die derzeitigen Aussterberaten sind mindestens 10- bis 100-mal so hoch wie in den letzten 10 Millionen Jahren. „Das heißt, wir stehen ganz klar am Beginn des sechsten Massenaussterbens der Erdgeschichte. Das letzte war das, bei dem die Dinosaurier ausgestorben sind.“
Dieser Vergleich, der vielleicht etwas melodramatisch klingt, veranschaulicht die Biologin mit einem eindrücklichen Beispiel: „In Indien haben Geier eine ganz wichtige Funktion, indem sie Aas entsorgen. Irgendwann wurde in der Tiermedizin das Mittel Diclofenac eingesetzt, um Entzündungen zu bekämpfen, etwa bei Rindern. Die damit behandelten Tiere haben das gut vertragen. Aber für die Geier ist es massiv nierentoxisch. Die Populationen mehrerer lokaler Geierarten sind dramatisch auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Bestände zurückgegangen. Das führte dazu, dass tote Rinder nicht mehr von Geiern gefressen wurden, sondern von anderen Tieren, darunter wilden Hunden. Diese konnten sich stark vermehren und übertragen Tollwut. Das führte zu einem dramatischen Anstieg der Todesfälle bei Menschen. Daran merkt man, dass diese komplexen Verkettungen einen messbaren Effekt haben“, so Böhning-Gaese.
Es hat sich ausgezwitschert
Im Vergleich zu der Zeit um 1800 ist der weltweite Vogelbestand Schätzungen zufolge heute um rund 80 Prozent geringer. Besonders deutlich hat sich dieser Rückgang in den vergangenen Jahrzehnten verschärft. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der modernen Intensivlandwirtschaft, die vielen Vogelarten weder ausreichend Nahrung noch geeignete Lebensräume bietet. Vor allem Feldvögel leiden massiv unter dieser Entwicklung. Eine zentrale Rolle spielt dabei das dramatische Insektensterben: Der Einsatz von Insektiziden in intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaften tötet Insekten unmittelbar und entzieht zahlreichen Vogelarten damit eine entscheidende Nahrungsquelle.
Hinzu kommt die indirekte Wirkung von Herbiziden. Wo Wildkräuter verschwinden, fehlen nicht nur vielen Insekten wichtige Lebensgrundlagen, sondern auch samenfressenden Vögeln. Damit geht ein weiterer bedeutender Teil des Nahrungsangebots verloren. In den Sommermonaten ernähren sich viele Vogelarten vor allem von Insekten, daneben auch von Larven, Würmern und Pflanzensamen. Bei Zugvögeln stellen Insekten sogar die wichtigste Nahrungsbasis dar.
Eine aktuelle Analyse des NABU macht das Ausmaß der Krise deutlich: Zwei Drittel der Arten und drei Viertel der Lebensräume in Deutschland befinden sich in einem schlechten Zustand. Nur wenige Bestände konnten sich bislang erholen, während sich viele weiter verschlechtern. Umso dringlicher sind wirksame Schutzgebiete und eine konsequente Wiederherstellung natürlicher Lebensräume. Besonders alarmierend ist, dass der fortschreitende Verlust von Arten und Lebensräumen inzwischen beinahe als normal gilt.

Verlorene Lebensräume
Der Feldhamster gehört zu jenen Arten, die in unserer heutigen Agrarlandschaft kaum noch geeignete Lebensbedingungen vorfinden. Nahrung, Deckung und geschützte Rückzugsorte werden für ihn zunehmend rar. In Deutschland ist er inzwischen fast verschwunden; seit den 1950er-Jahren sind seine Bestände um etwa 99 Prozent zurückgegangen. Verantwortlich dafür sind vor allem der massive Flächenverbrauch, die intensive landwirtschaftliche Nutzung und das Verschwinden passender Böden. Verschärft wird die Lage zusätzlich durch agrarpolitische Maßnahmen, die unter dem Schlagwort der „Entbürokratisierung“ den Erhalt von Brachen und Ackerrandstreifen weiter zurückdrängen. Bleibt ein grundlegender Kurswechsel aus, droht Arten wie dem Feldhamster innerhalb weniger Jahrzehnte das endgültige Aus.
Auch in den Meeren geraten heimische Tierarten immer stärker unter Druck. In der Ostsee hat sich der Bestand des Schweinswals seit 2019 halbiert. Dem einzigen in Deutschland heimischen Wal setzen vor allem die intensive Nutzung seines Lebensraums, Stellnetze und der zunehmende Lärm von Motorbooten zu.
Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen die Dimension des Problems: Von den rund 200 untersuchten Arten zeigen 37 Prozent einen rückläufigen Trend, während nur 14 Prozent zunehmen. Bei 36 Prozent bleibt die Entwicklung zwar stabil, doch bedeutet das häufig lediglich, dass sie dauerhaft in einem ungünstigen Zustand verharren. Insgesamt gelten zwei Drittel der Tierarten, also 66 Prozent, als in schlechtem oder unzureichendem Zustand. Besonders bedenklich ist die Situation in den intensiv genutzten Agrarräumen der kontinentalen Region. Die Alpenregion steht im Vergleich etwas besser da, verzeichnet jedoch ebenfalls deutliche Verluste.
Weltweite Schutzprojekte
Die biologische Vielfalt bildet die unverzichtbare Grundlage unseres Lebens. Vieles von dem, worauf wir täglich angewiesen sind – etwa Trinkwasser, Lebensmittel, Heilmittel, Textilfasern oder Holz – verdanken wir intakten natürlichen Systemen. Biodiversität sorgt dafür, dass diese Systeme funktionieren, sich regenerieren und ihre Leistungen dauerhaft erbringen können.

„Die Biodiversität ist ungleichmäßig über den Planeten verteilt, und einige Orte sind weitaus größeren Bedrohungen ausgesetzt als andere“, sagt Anders Holm, Geschäftsführer der Hempel Foundation. Die Biodiversitäts-Hotspots beschreiben Gebiete mit außergewöhnlichem Endemismus, die unter starkem Druck stehen. Die Daten wurden jedoch seit 25 Jahren nicht mehr aktualisiert, und in dieser Zeit hat sich viel verändert. Mit einer neuen Aktualisierung der Biodiversitäts-Hotspots will man nun sicherstellen, dass künftige Naturschutzbemühungen und Finanzmittel dort ankommen, wo sie den größten Unterschied machen können – sowohl für die Natur als auch für die Menschen“, so Holm.
Das Projekt wird eine umfassende Neubewertung der Biodiversitäts-Hotspots und Megadiversitätsländer liefern. Hotspots sind biogeografische Regionen, in denen eine Fülle von Arten beheimatet ist, die nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen und durch menschliche Aktivitäten wie Lebensraumzerstörung, Umweltverschmutzung und Klimawandel stark bedroht sind. Derzeit gibt es 36 Biodiversitäts-Hotspots, die 16,7 % der Landfläche der Erde bedecken. Wallacea, zu dem mehr als 1.680 verschiedene Inseln im zentralen Teil Indonesiens und Timor-Leste gehören, und der Atlantische Regenwald, der sich entlang der brasilianischen Atlantikküste bis in Teile von Paraguay, Uruguay und Argentinien erstreckt, sind zwei der bekanntesten Biodiversitäts-Hotspots der Welt.
Good news
Internationale Abkommen wie das „Weltnaturabkommen“ zielen darauf ab, den Verlust der Biodiversität zu stoppen und umzukehren, doch die Umsetzung ist bislang unzureichend.
Wichtige Ziele sind, bis 2030 30 % der Ökosysteme unter Schutz zu stellen und 30 % der geschädigten Ökosysteme wiederherzustellen.
In den letzten 25 Jahren wurden große Summen für den Naturschutz in den weltweiten Hotspot-Regionen bereitgestellt; allein der Critical Ecosystem Partnership Fund mobilisierte 325 Millionen US-Dollar. Diese Unterstützung war beispielsweise entscheidend für die Ausweisung von mehr als 24 Millionen Hektar Meeresschutzgebieten in Süd-Sulawesi, die Wiederansiedlung wilder Seidenraupen in Tapia-Wäldern in Madagaskar und den Schutz von 20.000 Hektar Bergwald in Kirgisistan in Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften.
Was wir tun können
Wenn wir uns für die Natur öffnen und ihr bewusst begegnen, spüren wir oft unmittelbar, wie wohltuend das ist. Vogelstimmen, das Summen von Insekten, das Zirpen im Gras oder die vielfältigen Laute des Waldes wirken beruhigend und können uns helfen, innerlich zur Ruhe zu kommen. Diese lebendige Vielfalt zu bewahren, ist deshalb nicht nur für die Umwelt wichtig, sondern auch für unser eigenes Wohlbefinden – selbst im kleinen Rahmen eines Gartens oder Balkons. Hinzu kommt, dass natürliche Lebensräume eine erstaunliche Fähigkeit zur Erneuerung besitzen, wenn der Mensch nicht ständig eingreift. Selbst abgestorbene Wälder können sich unter günstigen Bedingungen aus eigener Kraft regenerieren und sich danach als artenreicher und widerstandsfähiger erweisen als zuvor. In der Natur liegt eine besondere Stärke, die auch uns nähren kann.
Je mehr Menschen sich darauf einlassen, desto größer wird die Wirkung. Schon im Kleinen beginnt Veränderung: auf dem Balkon mit Lavendel oder Salbei statt Geranien, im Garten mit einer blühenden Wiese statt kurz geschorenem Rasen oder mit heimischen Sträuchern und Bäumen anstelle einer streng geschnittenen Thuja-Hecke. So kann selbst ein gewöhnlicher Garten zu einem vielfältigen Rückzugsort für zahlreiche Arten werden. Oft braucht es dafür nicht mehr Aktivität, sondern eher die Bereitschaft, manches geschehen zu lassen. Gerade dieses Weniger an Eingriff kann der Artenvielfalt zugutekommen. Denn die Natur ist in vielem fähig, sich selbst zu ordnen und ins Gleichgewicht zu bringen, wenn man ihr den Raum dazu lässt.
Fazit
Der Global Biodiversity Framework Fund soll dafür sorgen, dass die entwickelten Staaten bis 2030 jährlich 30 Milliarden Dollar einzahlen. Dennoch drängt sich die Frage auf, wo heute jene Politiker zu finden sind, denen nicht vor allem schnelles materielles und wirtschaftliches Wachstum am Herzen liegt, sondern Verantwortung, Schutz und der Erhalt dessen, was längst da ist. Solche Haltungen wirken inzwischen beinahe selbst selten geworden. Gerade in europäischen Parlamenten erscheint Naturschutz oft weniger als ethische Verpflichtung denn als strategisches Thema – mitunter auch als Mittel, um Zustimmung an der Wahlurne zu sichern.
Was aber, wenn wir anfangen, die grüne Oase direkt vor unserer eigenen Haustür selbst entstehen zu lassen – aus durchaus eigennützigen Motiven? Welchen Unterschied könnte es weltweit machen, wenn vor unseren Häusern wieder mehr wächst, wenn unsere Gärten artenreicher werden und dadurch mehr Bienen und andere Insekten Lebensraum finden? Anders gefragt: Was verändert eine einzige Biene, die dank eines bewusster gestalteten Gartens weiterlebt? Welche Wirkung kann ein zusätzlicher Flügelschlag entfalten?
In der Meteorologie kennt man dafür das Bild des Schmetterlingseffekts. In komplexen, instabilen Systemen können kleinste Impulse darüber mitentscheiden, in welche Richtung sich ein Prozess entwickelt. Ein scheinbar unbedeutender Auslöser kann dazu beitragen, dass ein System kippt und eine weit größere Wirkung entsteht. Kleine Ursachen können also große Folgen haben.
Genau so ließen sich auch unsere eigenen kleinen Schritte für mehr Biodiversität verstehen. Was wir vor der Haustür tun, mag gering erscheinen, könnte in einem eng vernetzten Gefüge aber genau jene Bewegung auslösen, die eine größere Veränderung möglich macht. Ich bin überzeugt: Welche Wirkung ein zusätzlicher Flügelschlag auf die Welt haben kann, übersteigt oft selbst unsere kühnsten Vorstellungen.




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