Die Multitasking-Falle: Warum das Gehirn nur eins kann

Als ich vor Kurzem von Hamburg zurück nach Spanien flog, saß im Flugzeug ein kleines Mädchen neben mir, das mir neugierig über die Schulter sah, während ich in meiner Fachzeitschrift blätterte. Ich las gerade einen Artikel über Multitasking, der von einer ziemlich hässlichen Karikatur begleitet wurde: ein menschartiges Wesen mit vier Armen und vier Köpfen, das versuchte, alles gleichzeitig zu erledigen. Selbst mich als Erwachsenen irritierte diese Darstellung, sie wirkte unnatürlich und ein wenig unheimlich. Das Mädchen hingegen beugte sich interessiert zu mir herüber und betrachtete die Zeichnung ein paar Minuten ganz genau. Schließlich sagte sie, kaum beeindruckt und fast schon empört: „Pff, was für ein Blödsinn! Sowas gibt es doch gar nicht. Menschen haben nur zwei Arme, nicht mehr!“ Und vielleicht lag in dieser kindlichen Klarheit bereits eine Wahrheit, die wir Erwachsenen nur allzu gerne übersehen. Während wir versuchen, immer mehr gleichzeitig zu bewältigen, zeigt uns ein einfacher Blick eines Kindes, dass wir dafür gar nicht gemacht sind. Wir besitzen nicht vier Arme, nicht vier Köpfe, sondern genau die Fähigkeiten, die auf unseren Körper zugeschnitten sind. Vielleicht ist es an der Zeit, uns daran zu erinnern und wieder mehr das zu tun, was wirklich zählt: eine Sache nach der anderen.

Man weiß mittlerweile, dass man beim Multitasking Aufgaben nicht wirklich gleichzeitig erledigt. Das Gehirn kann sich immer nur auf eine Sache konzentrieren – zumindest bei Aufgaben, die kognitiv fordern. Und doch tun es alle. Eine Serie ansehen und gleichzeitig auf Instagram scrollen. Noch schnell die letzte E-Mail des Tages schreiben, während im Hintergrund der Tatort läuft.
Wissenschaftler aus Psychologie, Neurologie und Sozialforschung befassen sich schon seit mehr als fünfzehn Jahren mit dem Thema Medienmultitasking. Viele Studien in diesem Bereich versuchen nicht nur herauszufinden, welche Wirkung Medienmultitasking auf das Gedächtnis und die kognitiven Fähigkeiten hat, sondern auch, ob es unserer Gesundheit langfristig schaden kann.

Studien zeigen immer wieder Zusammenhänge zwischen häufigem Medienmultitasking und Aufmerksamkeitsproblemen. Jugendliche, die viele Medien gleichzeitig konsumieren, haben Schwierigkeiten, sich im Unterricht oder bei Hausaufgaben zu konzentrieren. Eine Studie der Universität Luxemburg mit acht- bis zwölfjährigen Kindern fand heraus, dass Medienmultitasking mit schlechterem Schlaf, weniger sozio-emotionaler Funktionsfähigkeit und schlechterer mentaler Gesundheit einhergeht. Starke Medienmultitasker hatten zudem höhere Werte bei der Aufmerksamkeitsimpulsivität – damit ist die Fähigkeit gemeint, lange Zeit aufmerksam zu bleiben, ohne sich ablenken zu lassen.
Warum Tiere nicht multitasken
Ein anschaulicher Vergleich aus der Tierwelt macht deutlich, wie begrenzt Multitasking in Wirklichkeit ist: Stellen Sie sich ein Reh auf einer Lichtung vor. Es frisst, hebt zwischendurch den Kopf, lauscht, prüft die Umgebung und entscheidet dann: weiterfressen oder fliehen. Es tut aber nie beides gleichzeitig. Würde es versuchen, gleichzeitig zu fressen, aufmerksam die Umgebung zu scannen und vielleicht noch einem anderen Reh zu folgen, wäre es hochgradig gefährdet. Ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit könnte genügen, um ein herannahendes Raubtier zu übersehen.
Gerade Fluchttiere sind darauf angewiesen, im entscheidenden Augenblick vollständig präsent zu sein. Ihre Überlebensstrategie besteht nicht darin, möglichst viele Dinge parallel zu tun, sondern darin, blitzschnell zwischen klaren Zuständen zu wechseln: fressen, beobachten, fliehen. Jeder dieser Zustände verlangt ihre volle Aufmerksamkeit. In diesem Sinne leben Tiere konsequent und sehr wahrhaftig im Moment. Sie erledigen eine Sache nach der anderen – nicht aus Mangel an Fähigkeit, sondern weil es die effektivste und sicherste Art ist, mit ihrer Umwelt umzugehen. Multitasking wäre für sie kein Vorteil, sondern lebensbedrohlich.
Überträgt man das auf den Menschen, wird deutlich: Auch wir wechseln oft nur sehr schnell zwischen Aufgaben hin und her, statt sie wirklich gleichzeitig zu bewältigen. Der Unterschied ist nur, dass wir uns dabei einbilden, mehrere Dinge parallel tun zu können – während das Reh längst verstanden hat, dass volle Aufmerksamkeit überlebenswichtig ist.
Das Gehirn ist kein Multitasking-Apparat
Der Glaube, mehrere Dinge gleichzeitig bewusst erledigen zu können, ist laut dem Hirnforscher und Psychologen Ernst Pöppel, der lange das Institut für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München leitete, ein Irrtum. Aus physiologischer Sicht sei das Gehirn dazu nicht in der Lage. Jeder Versuch der Gleichzeitigkeit endet dort, wo das Gehirn nicht nur wahrnehmen, sondern auch reagieren muss.
Zwar können im Hintergrund mehrere Prozesse parallel ablaufen – etwa beim Musikhören während des Autofahrens – doch diese werden nur mit einer Art „gleitender Aufmerksamkeit“ begleitet, so Pöppel. In Wirklichkeit wechselt das Gehirn bei vermeintlichem Multitasking sehr schnell zwischen einzelnen Aufgaben hin und her. Genau dieses ständige Umschalten führt jedoch zu geringerer Effizienz, wie auch Untersuchungen von David Meyer und Jeffrey Evans von der University of Michigan zeigten.
Doch fokussiert, wenn nötig?
Gute Nachrichten kommen aus der Intelligenzforschung. Eine Metaanalyse unter Beteiligung der Universität Wien wertete Daten von mehr als 21.000 Personen aus 32 Ländern aus. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Konzentrationsleistung Erwachsener zwischen 1990 und 2021 leicht zugenommen hat.
Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick überraschend, passt aber durchaus zu einigen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.

Eine mögliche Erklärung ist, dass Menschen heute bewusster mit Aufmerksamkeit umgehen. Gerade weil Ablenkung durch Smartphones, soziale Medien und ständige Erreichbarkeit zugenommen hat, ist auch das Bewusstsein für Konzentration gewachsen. Methoden wie Achtsamkeit und Meditation sind deutlich populärer geworden und viele Menschen trainieren ihre Aufmerksamkeit inzwischen aktiv.
Ein weiterer Faktor könnte die gestiegene kognitive Anforderung im Alltag sein. Moderne Arbeits- und Lebenswelten verlangen häufig komplexes Denken, Problemlösen und den Umgang mit vielen Informationen. Wer sich darin zurechtfinden will, muss zwangsläufig lernen, seine Aufmerksamkeit gezielter zu steuern.
Die Studie spiegelt gut wider, dass wir zwar häufiger abgelenkt sind, aber gleichzeitig besser darin geworden sind, bewusst zwischen Fokus und Ablenkung zu wechseln. Man könnte daraus also schließen, dass wir uns heute zwar gerne mal ablenken lassen, doch wenn es nötig ist, können wir doch noch über längere Zeit konzentriert arbeiten. Konzentration bedeutet heute vielleicht weniger, dauerhaft fokussiert zu sein, sondern vielmehr, den Fokus gezielt herstellen zu können, wenn es darauf ankommt.

Multitasking stresst
Allerdings sollte man die Ergebnisse dieser Studie mit Vorsicht betrachten und sich bewusst machen, dass ein ständiges Switchen zwischen den Aufgaben anstrengend und stressig ist und durchaus zu Vergesslichkeit führen kann.
Der Aachener Psychologieprofessor Iring Koch untersucht seit vielen Jahren, wie Menschen mit sogenannten Doppelaufgaben umgehen. Seine Forschung zeigt: Auch wenn zwei Tätigkeiten scheinbar gleichzeitig ablaufen, entstehen schnell Reibungsverluste. Viele Menschen erleben solche Situationen zudem als belastend. Selbst wenn die messbare Leistung nicht sofort schlechter wird, kostet die ständige Bereitschaft, auf neue Reize zu reagieren, spürbar Kraft. Laut Koch entsteht dieses Gefühl, weil man ständig darauf vorbereitet sein muss, wieder auf neue Reize reagieren zu müssen.
Es gibt allerdings auch Menschen, die den schnellen Wechsel zwischen Aufgaben und Reizen bewusst suchen und als anregend empfinden. Sie springen gern von einer Tätigkeit zur nächsten, reagieren rasch auf neue Impulse und empfinden längere, gleichförmige Arbeitsphasen eher als mühsam. Solche „Multitasking-Junkies“ bilden jedoch eher eine Minderheit. Für die meisten Beschäftigten bedeutet eine Arbeitsumgebung mit permanenter Erreichbarkeit vor allem eines: ständige Unterbrechung. E-Mails, Telefonate, Chatnachrichten oder kurze Rückfragen reißen sie immer wieder aus dem Fokus und erschweren es, sich ruhig und vertieft einer einzelnen Aufgabe zu widmen. Nach Ansicht von Iring Koch wäre es deshalb sinnvoll, diesen Multitasking-Druck im Arbeitsalltag deutlich zu reduzieren. Davon könnten sowohl Unternehmen als auch Mitarbeitende profitieren: Die Konzentration würde steigen, Fehler würden seltener auftreten, die Qualität der Arbeit nähme zu, und die Beschäftigten wären langfristig weniger gestresst und gesundheitlich weniger belastet.
In einer konzentrierten Arbeitsumgebung sollten Aufgaben möglichst nacheinander bearbeitet werden können. Koch selbst reduziert Unterbrechungen, indem er sich nicht laufend, sondern nur in größeren Abständen über neue E-Mails informieren lässt.
Fazit
Die Natur führt uns eindrucksvoll vor Augen, wie wenig Multitasking tatsächlich nötig ist, um erfolgreich – ja sogar erfüllt – zu leben. In der Tierwelt existiert kaum das, was wir Menschen als gleichzeitiges Erledigen mehrerer Aufgaben verstehen. Ein Vogel baut sein Nest, ein Wolf verfolgt seine Spur, ein Reh sichert die Umgebung – jede Handlung geschieht mit voller Aufmerksamkeit, klar ausgerichtet auf den jeweiligen Moment. Dieses Prinzip ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer langen Entwicklung: Wer seine Energie bündelt, erhöht seine Chancen auf Erfolg und Überleben.
Besonders deutlich wird das bei Fluchttieren. Sie können es sich nicht leisten, mehrere Dinge gleichzeitig halbherzig zu tun. Ein kurzer Moment der Ablenkung kann über Leben und Tod entscheiden. Deshalb handeln sie fokussiert, wechseln bewusst zwischen Tätigkeiten und sind ganz im Hier und Jetzt. Die Natur zeigt damit: Nicht die Menge der gleichzeitig erledigten Aufgaben zählt, sondern die Qualität der Aufmerksamkeit. Tiere bündeln ihre Kräfte. Gerade dadurch sind sie im entscheidenden Moment reaktionsfähig und wirksam. Je mehr Kraft konzentriert, desto zielsicherer und effektiver ist sie, wenn sie zum Einsatz kommt.
Auch für uns Menschen liegt darin eine wichtige Erkenntnis. Wir glauben oft, Multitasking mache uns produktiver und effizienter. In Wahrheit jedoch führt es häufig zu oberflächlichen Ergebnissen, innerer Unruhe und dem Gefühl, nie wirklich bei einer Sache zu sein. Wenn wir uns hingegen über längere Zeit auf eine einzige Aufgabe konzentrieren, geschieht etwas Bemerkenswertes: Wir tauchen tiefer ein, verstehen Zusammenhänge besser und erleben eine Form von Ruhe, die im hektischen Wechsel verloren geht.
Ein erfülltes Leben entsteht daher nicht durch das gleichzeitige Jonglieren unzähliger Aufgaben, sondern durch bewusste Präsenz im Moment. Die Natur macht es uns eindrucksvoll vor: Schritt für Schritt, Handlung für Handlung. Vielleicht liegt gerade in dieser Einfachheit eine Wahrheit, die wir allzu oft übersehen.




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