Erwachen mit der Natur: Wie Natur Körper und Geist aktiviert

In unserer Ausgabe dreht sich alles um das Thema „Erwachen mithilfe der Natur“. Inwiefern sollten sich Ihrer Meinung nach moderne Frauen gerufen fühlen aufzuwachen? Und was hat sie bislang davon abgehalten?
Viele Frauen spüren irgendwann einen inneren Ruf, der sagt: So geht es nicht weiter. Dieser Weckruf wird häufig in der Lebensmitte hörbar – meist ab Mitte dreißig oder Anfang vierzig. Es ist eine Phase, in der sich der Blick verändert. Während wir mit zwanzig vor allem auf das schauen, was noch vor uns liegt, beginnen wir nun, auf das zurückzublicken, was bereits gelebt wurde. Aus reiner Lebenserwartung wird Lebenserfahrung. Aus Hoffnungen werden Erkenntnisse. Und oft auch ehrliche Fragen: Will ich so weitermachen? Trägt mich dieses Leben wirklich?
Dieser innere Ruf ist selten laut oder dramatisch. Er ist eher ein leises, aber beharrliches Wissen, das sich nicht mehr wegschieben lässt. Ein Erwachen aus dem Autopiloten heraus, aus einem Alltag, der nach außen funktioniert, sich innerlich aber zunehmend leer, erschöpfend oder fremd anfühlt. Dieses Erwachen geschieht nicht plötzlich, sondern tastend – als beginnendes Wiedererinnern an das, was sich stimmig anfühlt, und an das, was nicht mehr.
Diese innere Stimme, die zum Erwachen ruft, meldet sich bei Frauen meist über den Körper. Über chronische Erschöpfung, innere Leere, Dauerstress, hormonelle Dysbalancen oder depressive Verstimmungen. Das sind aus meiner Sicht keine individuellen Schwächen oder bloßen Krankheiten, sondern kollektive Warnsignale unserer Zeit. Sie zeigen, dass viele Frauen über Jahre hinweg gegen ihre eigene Natur gelebt haben – gegen ihre Rhythmen, ihre Grenzen und ihre Bedürfnisse.
Genau hier wird die Natur zur Lehrmeisterin. Sie ist nicht linear, sondern zyklisch. Der Baum vor meinem Fenster sieht nicht das ganze Jahr gleich aus. Er trägt nicht ständig Früchte. Im Frühling erwacht er, im Sommer wächst und blüht er, im Herbst lässt er los, im Winter ruht er. Die Natur zeigt uns: Wachstum braucht Pausen. Ertrag entsteht nicht aus Dauerleistung, sondern aus dem Wechsel von Aktivität und Regeneration.
Dass viele Frauen diesen Ruf lange überhört haben, ist kein persönliches Versagen. Es ist das Ergebnis eines historisch gewachsenen Systems, das Leistung, Kontrolle und lineares Funktionieren belohnt und Intuition, Zyklizität und Ruhephasen abwertet. Über Generationen hinweg haben wir verlernt, uns an natürlichen Rhythmen zu orientieren – und gelernt, uns anzupassen, durchzuhalten und unsere Bedürfnisse zurückzustellen. Der Körper jedoch folgt weiterhin seiner eigenen Logik. Er lebt zyklisch, nicht mechanisch.

Der Begriff der Schönheit ist in unserer Gesellschaft an Models und Mode und schlanken, gazellenartigen Frauen geknüpft. Wie sehr formen gesellschaftlich geprägte Schönheitsideale die jungen Frauen der heutigen Zeit?
Gesellschaftliche Schönheitsideale wirken auf junge Frauen nach wie vor stark – doch sie entstehen heute nicht mehr ausschließlich von außen. Entscheidend verändert hat sich, wer diese Bilder erzeugt und verbreitet. Neben Mode-, Werbe- und Celebrity-Magazinen spielen soziale Medien eine zentrale Rolle. Und hier tragen Frauen selbst maßgeblich dazu bei, wie das heutige Frauenbild aussieht. Junge Frauen wachsen nicht nur mit idealisierten Körperbildern auf, sie werden früh dazu ermutigt, sich selbst zu inszenieren – visuell, sprachlich, körperlich. Gezeigt wird meist ein sehr begrenzter Ausschnitt der Realität: jung, makellos, verfügbar. Filter, Posen und Bildbearbeitung verstärken diesen Effekt. Das Problem ist dabei weniger, dass Frauen sich zeigen, sondern wie sie sich zeigen, um gesehen, bestätigt oder monetarisiert zu werden.
Besonders prägend ist, dass diese Bilder nicht mehr als Inszenierung erkannt werden, wie früher die Hochglanzwelt der Supermodels. Sie kommen scheinbar von Gleichaltrigen, von „echten Frauen“. Genau darin liegt ihre Macht.
Das Bild, das Frauen heute von sich selbst zeichnen und öffentlich teilen, wirkt oft stärker als jedes Magazinbild. Es entsteht der Eindruck: So könnte ich aussehen, so könnte ich leben, um wertvoll zu sein.
Für junge Frauen – etwa zwischen 16 und Mitte 20 – bedeutet das einen enormen Druck. Schönheit bleibt an Sichtbarkeit, Attraktivität und Vergleich gekoppelt, diesmal unter dem Deckmantel von Selbstbestimmung. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass Würde, Sinnlichkeit und Selbstwert nicht im perfekten Selfie liegen, sondern im Erleben des eigenen Körpers, der eigenen Grenzen und der eigenen inneren Wahrheit.
Warum kann es so mühsam sein, seinen eigenen weiblichen Weg zu finden? Warum greifen bei vielen Frauen immer wieder die alten Glaubenssätze, obwohl sie eigentlich auf einem guten Weg sind?
Der eigene weibliche Weg ist selten einfach, weil er kein Vorwärts im Sinne von Optimierung bedeutet, sondern ein Zurückgehen und ein ehrliches Einsehen – immer wieder von vorne.
Frauen tragen oft widersprüchliche innere Stimmen in sich: den Wunsch nach finanzieller, persönlicher und sexueller Freiheit – und zugleich die tief verankerte Angst vor Ablehnung, vor dem Ausschluss aus dem sozialen Gefüge von Familie, Freundeskreis oder beruflichem Umfeld.
Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist tief in uns Menschen verankert, denn wir wissen instinktiv: Ohne die Gemeinschaft sind wir nicht überlebensfähig.
Gleichzeitig lebt in uns der ebenso starke Wunsch nach Selbstausdruck und innerer Wahrheit. Hier treffen zwei grundlegende menschliche Urkräfte aufeinander – Verbundenheit und Authentizität.
Viele Frauen wurden jedoch über Generationen hinweg darauf geprägt, nicht anzuecken, nicht aufzufallen und niemandem zur Last zu fallen. Doch Authentizität lässt sich nicht durch Anpassung erreichen. Wir müssen anecken, um uns zu formen und zu dem zu werden, was wir in unserem Wesen sind – was auch im Außen seinen Ausdruck und Anerkennung finden will.

Diese Spannung zeigt sich besonders deutlich in der Jugend, in Phasen von Rebellion und Aufbruch. Doch sobald erste Selbstzweifel, Kritik oder Widerstände von außen auftauchen, ziehen sich viele Frauen wieder in ihr Schneckenhaus zurück.
Alte Glaubenssätze greifen vor allem dann, wenn wir müde, überfordert oder emotional berührt sind. In solchen Momenten meldet sich nicht das bewusste Ich, sondern ein erlerntes Überlebensprogramm.
Der Körper kennt diese Muster. Sie haben Sicherheit versprochen – und so fallen wir immer wieder in alte Rollen zurück, selbst wenn wir innerlich längst weiter sind.
Frauen sehen sich konfrontiert mit einer unendlich langen Tradition in unserer Gesellschaft und unserer Familien. Wie stark sind negative Glaubenssätze bzw. unbewusste Überzeugungen („Ich bin nicht gut genug“, „Ich schaffe das nie“) in unserem Ahnenbewusstsein verankert?
Sehr stark. Viele Überzeugungen wie nicht zu genügen oder etwas nicht allein schaffen zu können sind keine persönlichen Gedanken, die aus unseren eigenen Lebenserfahrungen entstanden sind. Diese sogenannten negativen Glaubenssätze haben mit unserer heutigen Realität oft wenig zu tun.
Sätze wie „Das gehört sich nicht“, „Was sollen die anderen denken?“ oder „Das hätte ich dir gleich sagen können“ haben die meisten von uns – mich eingeschlossen – in der Kindheit häufig gehört. Als Kinder haben wir diese Aussagen für bare Münze genommen, weil sie von unseren Eltern kamen. Als Erwachsene haben wir jedoch die Möglichkeit, sie neu einzuordnen.
Dabei geht es mir nicht darum, Eltern in Schutz zu nehmen oder ihr Verhalten zu rechtfertigen. Mir geht es um eine andere Perspektive, die hilft zu verstehen, warum sich solche Glaubenssätze so tief in unser Selbstwertgefühl eingebrannt haben. Unsere Eltern gaben meist weiter, was sie selbst gelernt hatten – und diese Muster reichen mehrere Generationen zurück.
Solche Wiederholungen in der Erziehung sind kollektive Schutzmechanismen. Sie entstanden in Zeiten, in denen ein starkes Selbstbewusstsein oder finanzielle wie emotionale Unabhängigkeit für Frauen reale Gefahr bedeuteten.
Dafür müssen wir nicht bis in die Steinzeit zurückgehen. Der Zweite Weltkrieg ist ein sehr greifbares, historisch nahes Beispiel für transgenerationale Traumaweitergabe, weil er in nahezu jeder Familie biografisch verankert ist.
Viele Frauen dieser Generation lebten über Jahre in existenzieller Bedrohung: Hunger, Verlust von Heimat und geliebten Menschen, Verantwortung unter extremen Bedingungen.
Gefühle mussten unterdrückt werden, um handlungsfähig zu bleiben. Stärke bedeutete funktionieren, durchhalten, sich anpassen. Eigenständigkeit oder Abweichungen von der Norm konnten gefährlich sein.
Diese Überlebensstrategien waren damals ohne Zweifel notwendig – sie endeten jedoch nicht mit dem Krieg.
Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach dabei die Eigenermächtigung und unsere Selbstwirksamkeit als Frau?
Eigenermächtigung und Selbstwirksamkeit spielen eine zentrale Rolle, weil sie Frauen aus einem passiven Erleben zurück in Beziehung mit sich selbst führen – nicht im Sinne von Kontrolle, sondern im Sinne von innerer Handlungsfähigkeit. Viele Frauen erleben äußere Umstände als überfordernd, weil sie gelernt haben, sich selbst in schwierigen Situationen zu verlassen – statt sich selbst zuzuwenden.
Selbstwirksamkeit entsteht nicht erst in großen Entscheidungen, sondern im Alltag: in der Art, wie wir mit unserem Körper umgehen, wie wir unsere Grenzen wahrnehmen und benennen, wie wir Pausen zulassen, Hilfe annehmen oder uns selbst ernst nehmen.
Für mich beginnt ein selbstbestimmteres Leben dort, wo ich aufhöre, mich für meine Bedürfnisse zu rechtfertigen, und beginne, ihnen Bedeutung zu geben. Ein wichtiger Teil davon ist, die Illusion loszulassen, immer stark, souverän, gut gelaunt oder belastbar sein zu müssen. Selbstwirksamkeit bedeutet nicht, alles allein zu schaffen, sondern zu spüren, wo unser Einfluss sinnvoll ist – und wo nicht. Sie zeigt sich darin, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen, ohne sich für alles verantwortlich zu fühlen. Das ist ein feiner, aber bedeutender Unterschied.

Wie groß ist Ihrer Erfahrung nach der Spielraum des Selbst-Wählens. Selbst wählen zu können, wie ich meinem Schicksal begegne?
Zu 100 % – im Sinne der inneren Freiheit, zu wählen, wie wir dem begegnen, was uns widerfährt. Genau hier liegt der größte Handlungsspielraum, den wir als Menschen haben. Schicksal ist das, was auf äußerer Ebene geschieht – unsere Wahl liegt darin, wie wir innerlich darauf antworten.
Ich habe das sehr deutlich durch die Geburt meines Sohnes erfahren. Er kam 2016 schwerbehindert zur Welt, völlig unerwartet. Von einem Moment auf den anderen wurde mein Leben als 28-Jährige aus den Angeln gehoben. Was ich damals als zutiefst sinnlos, ungerecht und kaum ertragbar empfand, erkenne ich heute als einen Wendepunkt – als den Moment, in dem etwas Altes zu Ende ging und etwas Neues entstehen konnte. Rückblickend war es mein Erwachen aus der Illusion, das Leben kontrollieren zu können.
In dieser vermeintlichen Hilflosigkeit, in dem Gefühl, dem Leben ausgeliefert zu sein, begann in mir eine andere Form von Stärke zu wachsen. Lange glaubte ich, stark zu sein bedeute zu kämpfen: indem ich nach Erklärungen, Heilmitteln und Lösungen suchte, um das Geschehene zu verändern, das Schicksal von uns abzuwenden. Ich machte es mir zur Lebensaufgabe, alles zu wissen und alles zu tun, um meinen Sohn zu heilen. An seinen Behandlungserfolg knüpfte ich mein gesamtes Wohlergehen – über viele Jahre hinweg.
Bis ich eines Tages körperlich und seelisch nicht mehr konnte. Und nicht in Lehrbüchern oder Behandlungszimmern, sondern in der Natur begriff, was meine eigentliche Aufgabe als Mutter war. Meine Aufgabe war nicht, das Schicksal zu besiegen, sondern zu lernen, es anzunehmen. Unter einem Kirschbaum sitzend sah ich zum ersten Mal meinen Sohn – nicht als Patienten, sondern als den vollkommenen Menschen, der er ist. In diesem Moment erkannte ich, dass ich nicht gegen seine Krankheit kämpfte, sondern gegen mich selbst. Das war der Wendepunkt, der mein Leben – und unseres – heilsam veränderte. Das war mein „Erwachen mit Hilfe der Natur“-Moment.
Wahre Schönheit betrifft den Kern, das Wesen, das was in uns unzerstörbar ist. Wie können Frauen wieder Zugang zu diesem inneren Kern bekommen und diesen inneren Kern zum Scheinen bringen?
Wahre Schönheit wird spürbar, wenn Frauen wieder in Beziehung mit sich selbst treten. Der Zugang zu diesem inneren Kern entsteht nicht durch äußere Veränderung, sondern durch einen inneren Umbau. Viele Frauen haben über Jahre gelernt, sich vor allem im Außen zu orientieren – an Erwartungen, Bildern und Rollen. Der erste Schritt zurück zum eigenen Wesen ist deshalb, diese permanente Selbstbeobachtung von außen zu unterbrechen und sich wieder von innen heraus zu betrachten.

Wenn wir aufhören, uns ständig zu bewerten, kann sich ein erster Zugang zu diesem Kern eröffnen. In Momenten von Stille, Naturverbundenheit, Kreativität oder ehrlichen Gesprächen beginnt etwas durchzuscheinen, das nicht gemacht, sondern gewachsen ist. Die Körpersprache spielt dabei eine zentrale Rolle. Wenn Frauen lernen, wieder zuzuhören – ihren Rhythmen, Grenzen und Bedürfnissen –, entsteht eine Präsenz, die nicht inszeniert werden kann. Schönheit bekommt dann eine neue, tiefere Bedeutung. Sie zeigt sich in der inneren Haltung zum Leben, in der Art, wie wir uns bewegen, sprechen, schauen und fühlen. Genau das meint der Satz: Wahre Schönheit kommt von innen.
Unsere Hülle ist vergänglich, sie wird altern und zerfallen, ob wir wollen oder nicht. Verletzlichkeit, Brüche und gelebte Erfahrungen zeichnen uns. Viele Frauen versuchen, genau diese Seiten, diese Falten und Risse zu reparieren und vor der Welt zu verbergen. Doch gerade dort zeigt sich Tiefe. Wer sich erlaubt, ganz zu sein – mit Stärke und Sanftheit, mit Klarheit und Zweifel –, strahlt etwas aus, das nicht zerstörbar ist, weil es echt ist.
In Ihrem Buch „Female Balance“ widmen Sie ein ganzes Kapitel dem Titel „Von der Muse zum Marketing“, in dem Sie aufzeigen, wie sich die Außenwirkung der Frau historisch verändert hat. Was ist die Kernaussage dieses Kapitels?
In diesem Kapitel mache ich deutlich, dass viele heutige Selbstzweifel und Identitätskonflikte von Frauen nicht persönlich entstanden sind und auch nicht erst mit Modemagazinen oder Social Media begannen. Sie sind Ausdruck einer historischen Verschiebung, in der weibliche Schönheit über Jahrhunderte hinweg auf Jugend, Makellosigkeit und äußere Wirkung – meist aus männlicher Perspektive – reduziert wurde.
Natürliche weibliche Realitäten wie Menstruation, Altern, Geburt, Erschöpfung oder Verletzlichkeit wurden aus dem öffentlichen Bild ausgeklammert. Dieses eindimensionale Schönheitsverständnis hat sich tief in unser kollektives Bewusstsein eingeschrieben und prägt bis heute, wie Frauen sich selbst betrachten und bewerten.
Die Kernaussage dieses Kapitels ist deshalb nicht ein Aufruf zur Selbstoptimierung oder dazu, sich immer schön finden zu müssen. Selbstliebe bedeutet nicht, den eigenen Körper permanent zu mögen oder ihm jederzeit wohlwollend gegenüberzustehen. Selbstliebe bedeutet, sich in jedem Zustand zu respektieren.
Ähnlich wie ein Baum im Winter derselbe Baum ist wie im Frühling. Er trägt vielleicht keine Blüten, keine Früchte, steht scheinbar still – und doch ist seine Kraft ungebrochen vorhanden. Niemand würde seinen Wert infrage stellen, nur weil er gerade ruht.
Genau dieses Verständnis fehlt uns Frauen oft. Wir haben gelernt, unseren Wert an Sichtbarkeit, Leistung oder Attraktivität zu knüpfen, statt an unser Sein. Doch Würde ist kein Zustand, der verdient werden muss. Sie ist da – auch in Phasen von Veränderung oder Rückzug.
Selbstliebe beginnt dort, wo wir aufhören, uns gegen diese natürlichen Phasen zu wehren, und beginnen, sie als Teil unseres Lebens anzuerkennen.
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