Hochsensible Kinder: Die Kraft der stillen Persönlichkeiten
- Lisa Gutzelnig

- 16. Apr.
- 7 Min. Lesezeit
Heute bekommt man oft den Eindruck, der ideale Mensch sei schnell, laut und selbstbewusst. Er inszeniert sich auf Instagram, ist gut vernetzt, redet über sich und seine Erfolge und passt darauf auf, nicht übersehen zu werden. Ein erfolgreiches Leben, so könnte man denken, braucht vor allem eine große Portion Extrovertiertheit. In einer Gesellschaft, in der von Kindern erwartet wird, eine starke Persönlichkeit zu zeigen und möglichst laut, selbstsicher und „aus sich herausgehend“ aufzutreten, geraten leise Kinder schnell in den Hintergrund. Dabei entfaltet sich ihre Intelligenz häufig nach innen: durch tiefes Nachdenken, genaue Beobachtung und ein feines Gespür für Zusammenhänge. Sie müssen nicht ständig sprechen, um präsent zu sein – sie verarbeiten die Welt auf ihre eigene, oft sehr intensive Weise. In ihrer Stille kann eine erstaunliche Kraft liegen.

Die Gesellschaft scheint sich wilde und freche Kinder zu wünschen, Kinder, die aus sich herausgehen und sich behaupten. Und sie lässt die Kinder das auch wissen. Doch was ist mit den „Annikas“ dieser Welt? Den stillen, in sich gekehrten Freundinnen von Pippi Langstrumpf? Was ist mit den Kindern, die Ruhe lieben, stundenlang Bücher lesen, lieber gedanklich auf Abenteuerreise gehen und auf Kindergeburtstagen manchmal ein wenig verloren wirken?
Mütter werden unruhig, wenn ihr Kind heute auf dem Spielplatz einfach einmal stundenlang allein vor sich hin spielt, wenn es sich nach der Schule gern auf sein Zimmer zurückzieht oder wenn es die meiste Zeit nachdenklich wirkt. Hat unser Kind nicht überbordende Sozialkontakte, befürchten wir schnell, dass es den Anschluss verliert oder gar ein schwieriger Einzelgänger wird. So wird aus einem einfachen Charakterzug schnell ein vermeintliches Problem. Doch die Wertschätzung für das Stille ist eigentlich ganz einfach: Introvertierte Familienmitglieder sind ein großes Glück. Sie besitzen wundervolle Eigenschaften, sind gute Beobachter, kreativ, empathisch und unabhängig. Viele von ihnen denken analytisch und verfügen über eine besondere Beharrlichkeit.

Freiheit heißt, anders sein zu dürfen
Erst spät bemerken viele Menschen, dass Introvertiertheit etwas ganz Natürliches ist – nichts, was man bekämpfen oder verstecken müsste oder wofür man sich gar schämen sollte.
Susan Cain erläutert in ihrem Buch „Still“ sehr eindrucksvoll, woher die gesellschaftliche Abneigung gegenüber introvertierten Menschen stammt. Sie erklärt den starken gesellschaftlichen Fokus auf Extrovertiertheit mit den Veränderungen, die mit der Industrialisierung einhergingen. Als Menschen in großer Zahl in Städte zogen, verließen sie ihre vertrauten sozialen Strukturen. Um beruflich und gesellschaftlich wahrgenommen zu werden, wurde es plötzlich wichtig, in der anonymen Masse sichtbar zu sein. Wer Erfolg haben wollte, musste auffallen, sich präsentieren und seine Persönlichkeit gewissermaßen „vermarkten“. Dieser Wandel prägte das Leben vieler Menschen spätestens ab den 1920er-Jahren nachhaltig.

Auch im Arbeitsleben wurde es zunehmend entscheidend, sich durch eine starke persönliche Ausstrahlung zu behaupten. Gleichzeitig veränderten sich soziale Beziehungen. Partnerschaften entstanden nicht mehr ausschließlich aus pragmatischen Gründen; nun wurde erwartet, interessant, unterhaltsam und erfolgreich zu sein. Diese Veränderungen wirkten sich auch auf die Vorstellungen von Kindheit aus. Früher galt das ideale Kind als brav, gehorsam und wohlerzogen.
Mit den Jahren wandelte sich dieses Ideal jedoch stark. Kinder sollen heute möglichst früh zu eigenständigen Persönlichkeiten werden – am besten zu kleinen, selbstbewussten Individualisten. Und wenn es nicht gleich ein kleiner Einstein ist, dann doch zumindest ein Mini-Profifußballer oder ein klavierspielender Mini-Mozart.
Dabei ist es nicht nur eine Frage der Zeit, sondern auch eine Frage des kulturellen Umfelds, welche Eigenschaften bei Kindern geschätzt werden. Vergleichsstudien zwischen kanadischen und chinesischen Kindern zeigen beispielsweise, dass stille und besonnene Kinder in Kanada häufig eher zu Außenseitern werden. In China hingegen genießen sie oft hohes Ansehen und übernehmen nicht selten sogar eine führende Rolle innerhalb ihrer Gruppe. Besonnenheit gilt dort als erstrebenswerte Charaktereigenschaft. Kinder, die ruhig sind, gerne lesen und sich mit Nachdenken beschäftigen, werden von ihren Eltern geschätzt. In extrovertiert geprägten Gesellschaften wie Kanada oder den USA kann es dagegen vorkommen, dass Kinder wegen ihrer Zurückhaltung sogar zum Therapeuten geschickt werden.
Man steckt Kinder in einen Kindergarten voller schreiender, lärmender, weinender und streitender Kinder. Später sitzen sie in Klassenräumen voller lauter Mitschüler. Im Sportunterricht werden Teams oft brutal gebildet, indem Kinder durch Abzählen Mannschaften zusammenstellen. Tiefer und tiefer gräbt sich in manche Kinder das Gefühl ein, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Wenn sie wieder als Letzte gewählt werden – oder nach der Schule lieber mit einem Buch in der Hängematte liegen.
Problematisch wird es entwicklungspsychologisch dann, wenn Kinder vermittelt bekommen, dass ihr Wesen nicht dem entspricht, was Eltern wünschen, was der Zeitgeist vorgibt, was Schule oder Kultur erwarten. Kleine Menschen tun bekanntlich alles, um den Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden. Sie sind so sehr auf ihre Bezugspersonen angewiesen, dass sie schon als Babys ein feines Gespür dafür entwickeln, was von ihnen erwartet wird.
Wenn Anerkennung Bedingungen hat
Beide Aspekte – Selbstbestimmung und Beziehungsabhängigkeit – gehören zu den grundlegenden Bedingungen kindlicher Entwicklung. Die sogenannte Aktualisierungstendenz beschreibt das Bestreben jedes Organismus, seine Möglichkeiten zu entfalten und seine Bedürfnisse zu verwirklichen. Entscheidend ist daher, unter welchen Bedingungen sich ein Kind innerhalb seiner Beziehungen entwickeln kann.

Ein Kind braucht eine einfühlsame Begleitung durch eine verlässliche Bezugsperson – jemanden, der ihm mit Aufmerksamkeit, Respekt und echter Präsenz begegnet. Kinder entwickeln früh das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung durch ihre Eltern. Erleben sie diese Zuwendung als bedingungslos, können sie ihren eigenen Wahrnehmungen vertrauen und allmählich ein eigenes inneres Bewertungssystem entwickeln. Daraus entsteht nach und nach die Fähigkeit, sich selbst wertzuschätzen und anzunehmen. Wird Zuwendung jedoch an Bedingungen geknüpft – etwa daran, geselliger, angepasster oder leistungsstärker zu sein –, übernimmt das Kind diese Maßstäbe häufig als eigene. Die Bewertungen stammen dann nicht aus der eigenen Erfahrung, sondern werden von außen übernommen und verinnerlicht.
Eltern stehen selbst unter gesellschaftlichen Erwartungen und Bewertungen. Deshalb gelingt es ihnen nicht immer, ihrem Kind uneingeschränkte Wertschätzung entgegenzubringen. Wenn sie bestimmtes Verhalten missbilligen oder Zuneigung zeitweise entziehen, erlebt das Kind eine innere Spannung: Einerseits möchte es seinen eigenen Impulsen folgen, andererseits fürchtet es, die Liebe und Anerkennung seiner Bezugsperson zu verlieren. Es entsteht eine Konfliktsituation zwischen den eigenen Bedürfnissen und dem Wunsch nach Zugehörigkeit.
Fehlt dem Kind dauerhaft eine bedingungslose Zuwendung, beginnt es sich zunehmend an den Erwartungen anderer zu orientieren. Es richtet sein Verhalten danach aus, was Anerkennung verspricht, und verliert dabei den Kontakt zu den eigenen Erfahrungen und Gefühlen. Fremde Bewertungen werden verinnerlicht, bis sie wie eigene erscheinen. Auf diese Weise kann sich ein angepasstes, aber innerlich fremdes Selbst entwickeln. Bestimmte Gefühle – etwa Wut oder Aggression – werden verdrängt und bleiben dem bewussten Erleben kaum zugänglich. Im späteren Leben fällt es Betroffenen oft schwer, diesen Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Psychologisch spricht man hier von einer Inkongruenz zwischen innerem Erleben und äußerem Selbstbild, die dauerhaft als unterschwellige Bedrohung des eigenen Selbst empfunden werden kann.
Aus der Interaktion zwischen Kind und Mutter oder Vater entsteht somit das Selbstbild des Kindes. Erlebnisse, die nicht empathisch verstanden werden, können nicht in das Selbst integriert werden und bleiben fremd. Dennoch bestehen sie weiter und suchen nach Möglichkeiten, ihr Bedürfnis nach Verständnis zu erfüllen. Die Wertvorstellungen eines Kindes orientieren sich dann zunehmend an der Frage, unter welchen Bedingungen sein Erleben akzeptiert werden könnte. Vielleicht denkt es: Wenn ich nur laut genug bin, erfolgreich genug oder präsent genug – dann werde ich gesehen.

Wenn Kinder sich selbst verlieren
Der leidende Mensch, beziehungsweise das Kind, beginnt, sich selbst Forderungen aufzuerlegen, die für ihn auf Dauer zerstörerisch sein können. Die Person bemüht sich um ein Verhalten, das ihrem Selbstkonzept entspricht. Doch dieses Verhalten erscheint selbst für sie unverständlich, weil es im Widerspruch zu dem steht, was sie eigentlich fühlen oder tun möchte.
Gerade wenn Eltern selbst ganz anders ticken als ihr eigenes Kind, bleibt das Hinterfragen der eigenen Erwartungen ein fortlaufender Prozess. Ein Prozess, der nicht nur Großzügigkeit gegenüber dem Kind erfordert, sondern auch gegenüber sich selbst.
Wenn wir unseren Kindern also vermitteln, dass man nicht immer laut nach vorne preschen muss, um im Leben etwas zu erreichen, eröffnen wir ihnen neue Möglichkeiten. Wenn ein Kind auf einem Kindergeburtstag unglücklich wirkt oder sich die Ohren zuhält, weil es ihm zu laut ist, sollten wir es vielleicht nicht überreden, länger zu bleiben, sondern ihm helfen, aus der Situation herauszugehen. Was wäre, wenn wir ihm zeigen, dass seine Gefühle nicht falsch sind? Wenn wir sie ernst nehmen und verstehen? Vielleicht können wir ihm vermitteln, dass auch stille Menschen glücklich werden können. Dass leise Menschen Freude empfinden. Dass es viele Wege gibt, an einer Gemeinschaft teilzunehmen – und dass es in Ordnung ist, nicht immer mit der Masse zu gehen.

Die stillen Helden des Himalaya-Gebirges
Es gibt nicht nur wunderschöne Kindergeschichten über trompetende Elefanten, laut brüllende Löwen auf Felsvorsprüngen oder über Pippi Langstrumpf, die dazu auffordert, „wilder, frecher und wunderbarer“ zu sein. Man könnte auch eine Gute-Nacht-Geschichte über einen weißen Schneeleoparden im Himalaya-Gebirge erzählen.
Schneeleoparden gehören zu den am schwierigsten zu filmenden Tierarten der Welt. Sie sind schwer einschätzbar, hervorragend getarnt und durch ihr wunderschönes Fellmuster verschmelzen sie fast mit dem Schnee der Berge. Man weiß nie genau, wohin sie als Nächstes gehen oder wo sie ihren nächsten Streifzug planen.
Fast lautlos bewegen sie sich auf samtigen Pfoten durch den Schnee. Sie bündeln ihre Kraft – je stärker sie konzentriert ist, desto wirkungsvoller wird sie, wenn sie eingesetzt wird. Der Sprung eines Schneeleoparden, ruhig vorbereitet und mit höchster Konzentration ausgeführt, trifft sein Ziel.
Schneeleoparden sammeln ihre Kräfte. Sinnlose Tätigkeiten meiden sie – was getan werden muss, erledigen sie. Im Gegensatz zu anderen Großkatzen brüllt der Schneeleopard niemals. Um breite Gletscherspalten zu überwinden, kann ein Schneeleopard bis zu 16 Meter weit springen – eine beeindruckende Leistung.
In vielen Bereichen gehören Schneeleoparden zu den beeindruckendsten Jägern des Tierreichs. Sie sind die stillen Helden des Himalaya-Gebirges. Und im Gegensatz zu uns Menschen würde niemand von ihnen verlangen, doch etwas lauter zu brüllen oder sich weniger zurückzuziehen. Es erscheint fast absurd, dies zu verlangen. Ja, es klingt geradezu lächerlich, einem Schneeleoparden eine solche Eigenschaft abzuverlangen. Schließlich liegt das einfach nicht in seiner Natur.




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