Tiere als Spiegel unserer Seele: Was wir von ihnen lernen können
- Lisa Gutzelnig

- 13. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Warum uns Tiere wieder mit unseren Instinkten verbinden – und wie diese Beziehung Körper und Seele stärken kann
Tiere erinnern uns an etwas, das im modernen Alltag leicht verloren geht: an unsere eigene natürliche Verankerung im Leben. Für unser körperliches und seelisches Wohlbefinden ist es wichtig, mit unseren ursprünglichen Instinkten verbunden zu bleiben. Tiere verkörpern diese Verbindung auf ganz selbstverständliche Weise. Sie leben im Moment, reagieren unmittelbar auf das, was sie umgibt und folgen ihren inneren Impulsen.

Unsere verlorene Instinktnähe
In ihrer Gegenwart wird auch unsere eigene vitale Seite wieder spürbar. Wir erleben uns unmittelbarer, ganzheitlicher und stärker mit unserem Körper verbunden. Fehlt uns jedoch der Zugang zu diesem instinktiven Anteil unseres Wesens, können sich Körper und Seele allmählich voneinander entfernen.
Viele Menschen gehen durch die Welt mit dem Gefühl, dem Tier aufgrund ihres Bewusstseins überlegen zu sein – und sprechen Tieren gleichzeitig genau dieses Bewusstsein ab. Nur wenige erkennen, dass auch der Mensch Teil der Tierwelt ist. Wir sind, biologisch betrachtet, ebenfalls Tiere. Wenn wir jedoch unsere Instinkte und natürlichen Reaktionen verdrängen oder ignorieren, verlieren wir einen wichtigen Teil unseres Menschseins. Damit verlieren wir auch den Zugang zu einer Quelle innerer Heilung.
Mensch und Natur – eine gemeinsame Geschichte
Die stammesgeschichtliche Entwicklung verbindet den Menschen mit der belebten Natur. Wir sind Teil der Umwelt, die uns umgibt und die wir zugleich mitgestalten. Wenn wir unsere Beziehungen zu Mitmenschen sowie zur gesamten belebten Natur – zu Tieren und Pflanzen – aus entwicklungsgeschichtlicher Perspektive betrachten, können wir die tiefe Verbundenheit mit allem Lebendigen erkennen und erleben. Ein oft zitierter mystischer Spruch lautet: „Gott schläft im Stein, atmet in der Pflanze, träumt im Tier und erwacht im Menschen.“ Damit betont er nicht nur die Verbundenheit aller Lebensvollzüge untereinander, sondern auch ihre gemeinsame geistig-spirituelle Grundlage.
In der tiergestützten Therapie sind Tiere Teil und Mitwirkende des therapeutischen Settings. Sie sind anwesend und laden sowohl zu realen Aktivitäten als auch zu symbolischen Fantasien und Gestaltungen ein. Dabei wird die Mensch-Tier-Beziehung nicht unangemessen „vermenschlicht“, sondern in der Zuwendung zum Tier werden soziale Bedürfnisse erfüllt. Zwischen den Arten kann sich eine tiefe Beziehung entwickeln. Die Vertrautheit mit unseren Tieren gibt uns Hinweise darauf, sowohl unser eigenes Erleben als auch das Erleben der Tiere in einer ganzheitlichen Verbundenheit zu sehen, und stärkt unsere Mentalisierungsfähigkeit.
Im Kapitel „Die Wurzeln der Spiritualität im Animismus“ legt der Biologe, Verhaltensforscher und Autor Kurt Kotrschal dar, dass menschliche Spiritualität und Religiosität in der ursprünglichen Mensch-Tier-Beziehung wurzeln. Die frühen Jäger- und Sammlergemeinschaften, so Kotrschal, erlebten sich regelrecht als mit ihrer Umwelt verschmolzen. Sie nahmen Tiere als beseelte Wesen wahr, deren Körper oder Seelen nach dem Tod – ebenso wie verstorbene Menschen – als Geistwesen weiterleben konnten. Kleinkinder sind zwar nicht im eigentlichen Sinne Schamanen, durchlaufen aber vergleichbare Erfahrungen. In ihrem Denken, Empfinden, Wahrnehmen und Fühlen sind sie magisch und animistisch mit ihrer Umwelt verwoben. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in der Faszination und Begeisterung, die Kinder im Zusammensein mit Tieren erleben. Doch nicht nur für kleine Kinder, sondern auch für ältere Kinder im Schulalter werden Aspekte wie „mein Tröster“, „mein Freund“ und „mein Kumpan“ bedeutsam.
Der deutsche Sozialpsychologe und Vorsitzende des Forschungskreises Heimtiere in der Gesellschaft, Reinhold Bergler, untersuchte in seinem Buch „Warum Kinder Tiere brauchen“ das Bindungsverhalten von Kindern zu ihren Hunden. Er regte Kinder dazu an, ihren Hund selbst zu beurteilen. Auf die Frage „Weshalb ist es denn schön, einen Hund zu haben?“ reagierten die Kinder spontan und freudig. Ihre Schilderungen zeigten, wie groß die gefühlsmäßige Bindung an das Tier ist. Die Anwesenheit des Hundes bereichert das Leben der Kinder; ihr Alltag wird dadurch abwechslungsreicher und vielfältiger. Der Hund hilft dem Kind, mit anderen Kindern in Kontakt zu kommen, und übernimmt gerade bei emotional gehemmten und ängstlichen Kindern eine hilfreiche Brückenfunktion, um sie aus Isolation und Vereinsamung zu lösen. Der Hund vermittelt Schutz und Sicherheit; das wiederum gibt Stärke und Ruhe und unterstützt die Entwicklung von Selbstbewusstsein. Als äußerst wichtiges Kriterium nannten Kinder den Hund zudem als Gesprächspartner und vor allem als Gesprächsstoff. Der Hund sei ein idealer Freund, Zuhörer und Spielkamerad in allen Lebenslagen.

Die Freude an allem Beweglichen
Piaget, der Begründer der kognitiven Entwicklungspsychologie, betont in seinem Werk die Bedeutung der Handlung als Grundlage unserer seelisch-geistigen Entwicklung. „Erkenntnis beginnt mit Handlungen in eine einzige Richtung, und sie ist zunächst auf die eigene Aktivität konzentriert“ (Piaget, 1981, S. 22). Dies hilft uns, die Begeisterung und Freude von Kindern an allem Beweglichen und an bewegungsfreudigen Tieren besser zu verstehen. Das Zusammensein mit aktiven Tieren bereichert unser menschliches Dasein.
Im Traumerleben, in der Trance und in emotional bedeutsamen Situationen verbinden wir uns mit nichtsprachlichen, archaischen Erlebnisweisen und erhalten Zugang zu vitalen, ursprünglichen Empfindungen. Tiergestützte Therapeutinnen und Therapeuten sind überzeugt, dass in therapeutischen Prozessen genau diese instinktnahen Kräfte und Energien wirksam werden. Carl Jung war einer derjenigen, die solche animistischen Kräfte in tiefenpsychologisch-analytische Behandlungsprozesse aufgenommen haben. In seinen Ausführungen zur Traumaheilung bestätigt Levine, wie wichtig es für unser emotionales und körperliches Wohlbefinden ist, mit unseren naturnahen Instinkten verbunden zu sein. Insbesondere hilft es uns Menschen, unsere vitale Seite zu spüren und uns unserem ganzheitlichen Empfinden und Erleben zuzuwenden. Levine ergänzt: „Fehlt den Menschen der Zugang zu dem instinktiven Teil ihrer Existenz, entfremden sich Körper und Seele. Nur die wenigsten Menschen betrachten oder erfahren sich als menschliche Tiere. Doch wenn wir die Instinkte und die natürlichen Reaktionen nicht in unser Leben integrieren, sind wir auch keine Menschen im umfassenden Sinne“ (Levine, 1997, S. 52). Auch Carl Jung sah in der Entfremdung vom instinktiven Teil der Seele eine Ursache vieler pathologischer Entwicklungen und möglicher späterer Neurosen.
Krafttiere und unsere Verbindung zum Lebendigen
Im heutigen, moderneren Verständnis helfen Krafttiere als Lebensbegleiter – in Anlehnung an schamanische Vorstellungen – dabei, diese ursprünglichen Wurzeln unserer Seelenkräfte zu beleben. Krafttiere vermitteln Botschaften aus unserem Unbewussten und verbinden uns mit unserer inneren Welt und Weisheit. Für viele Kinder und Jugendliche sind Krafttiere eine wichtige Energiequelle und Ressource für ihre Entfaltung. Sie können entweder über Kartensets gezogen oder imaginativ erspürt werden. Tiere in Imaginationen symbolisieren häufig hilfreiche, unterstützende Begleiter.
Im Kontakt mit Tieren werden emotionale und mentale, ursprüngliche, primäre Prozesse geweckt und tiefe Schichten des seelischen Erlebens im Menschen angesprochen. Die Anwesenheit eines Tieres kann die Entfaltung dieser seelischen Energien fördern und erinnert uns an unsere Verbundenheit mit allem Lebendigen. Dieses Verbundenheitsgefühl kann sich auf unterschiedliche Weise ausdrücken, zum Beispiel in Gefühlen von Verwandtschaft, Empathie, Liebe, Wertschätzung und Respekt gegenüber allem Lebendigen. Wer das Leben liebt, fühlt sich vom Lebens- und Wachstumsprozess in allen Bereichen angezogen. Es ist wie ein Zahnrad, in dem plötzlich alles ineinandergreift und ungeahnte Energien zum Vorschein kommen.

Das rationale Tier
Wichtig ist zu betonen, dass Tiere neben ihren Trieben und ihrem zutiefst instinkthaften Verhalten auch hochkognitive Lebewesen sind. Einige Tiere können bemerkenswert innovativ und kreativ sein: Sie finden spontan Lösungen für völlig neue Probleme, indem sie frühere Erfahrungen neu kombinieren oder Artgenossen nachahmen. Manche Tiere können Werkzeuge einsetzen, deren Wirkung durch gezielte Veränderungen verbessern und sogar neue Werkzeuge herstellen. Andere sind in der Lage, zukünftige Ereignisse vorauszudenken und ihr Handeln entsprechend zu planen, wobei sie sogar ein aktuelles Bedürfnis zugunsten eines zukünftigen Bedürfnisses zurückstellen können. Manche Tiere treffen Entscheidungen, indem sie Ziele gegeneinander abwägen und den effizientesten Weg dorthin wählen. Mit diesen Fähigkeiten erfüllen Tiere Kriterien praktisch-rationalen Handelns.
Eine strikte Unterscheidung zwischen Mensch und Tier lässt sich angesichts solcher Erkenntnisse immer schwerer rechtfertigen. Bewusstsein, Sprache und Rationalität gelten traditionell als Merkmale, mit denen wir unsere menschliche Einzigartigkeit und damit unsere Überlegenheit begründen – und letztlich auch unser vermeintliches Recht, Tiere in vielfältiger Weise zu dominieren. Schon die pauschale Abgrenzung des Menschen von „dem Tier“ ist oft Ausdruck menschlicher Überheblichkeit. Tiere sind – wie Menschen – Individuen, nicht bloß namenlose Vertreter ihrer Art. Man kann daher durchaus auch bei nichtmenschlichen Tieren von „Persönlichkeiten“ sprechen. Wenn wir verstehen, in welcher Weise Tiere rational und zugleich zutiefst instinktiv handeln können, sind wir aufgefordert, unsere eigene Rationalität neu zu überdenken. Wir müssen uns fragen, ob es gerechtfertigt ist, menschliche und tierische Rationalität mit zweierlei Maß zu messen. Und wenn wir genauer hinspüren, werden wir vielleicht überrascht sein, dass es keine scharfe Grenze zwischen der Vernunft des Menschen und den Denkweisen von Tieren gibt.
Fazit: Die heilsame Verbindung zum Tier
Das Tier zeigt seine Empfindungen und Gefühle spontan, ursprünglich, unverfälscht und auf ganz eigene Weise. Es ist noch tief mit seinen Instinkten und den geheimnisvollen Grundlagen des Lebens verbunden. In unserer Beziehung zum Tier treten wir in Kontakt mit den naturhaften Kräften unserer eigenen Seele – wir erleben eine Rückverbindung zu allem, was echt ist. In dieser Beziehung erfahren wir uns nicht länger als getrennt, sondern als lebendigen Teil der Schöpfung.
Im Blick in die Augen unseres Hundes, in dem Moment, in dem wir uns auf eine Beziehung mit Tieren einlassen, kommen wir unseren ursprünglichen, instinktiven Seelenanteilen nahe. Wir treten mit unserer eigenen „Tierseele“ in Kontakt und spüren zugleich unsere tiefe, erdige Lebensenergie. Tiefe seelische Schichten unseres Unbewussten werden aktiviert und wieder lebendig. Tiere können als Träger seelischer Energie verstanden werden. Vielleicht sind sie gerade deshalb für Menschen so faszinierend und zugleich heilsam, weil sie ein noch „nicht erzogenes“ und „nicht vermenschlichtes“ Stück seelischer Energie verkörpern, das noch Triebe besitzt und uns Instinkte vorlebt.
Selbst wenn wir noch so weit von der Natur entfernt leben und uns in schicken Sportschuhen über riesige urbane Asphaltflächen bewegen – abgeschnitten von natürlichen Rhythmen und Zyklen –, könnte das bewusste Annehmen unserer eigenen „Tierseele“ ein Schlüssel sein, der uns wieder mit unserer eigenen Ganzheit verbindet. In der Zuwendung zur Natur und zu allem Lebendigen könnte still und leise ein Teil unserer Heilung liegen.





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