Traumasensibles Yoga: Heilung durch achtsame Bewegung
- Lisa Gutzelnig

- 23. Apr.
- 6 Min. Lesezeit
Für Menschen mit traumatischen Erfahrungen kann es besonders heilsam sein, wieder in der Gegenwart und im eigenen Körper anzukommen. Menschen, die Leid in welcher Form auch immer erlebt haben, suchen meist von selbst Linderung ihrer Probleme im Yoga. Oft können aber genau diese Menschen mit einer klassisch gelehrten Yogapraxis nicht viel anfangen. Aussagen wie „Schließ deine Augen!“ oder „Nimm den Blick nach innen!“ können verunsichern und Gefühle wie Ohnmacht, Unsicherheit und Hilflosigkeit auslösen. Exponierte Übungen, die unflexibel unterrichtet werden, können Überlebensreaktionen (Fight, Flight, Freeze, Fawn) auslösen – auch noch lange nach einer Yogastunde. Traumasensibles Yoga berücksichtigt genau das und bietet Modifikationen an, die Menschen mit Trauma-Hintergrund oder Menschen mit einem dysregulierten Nervensystem einen sicheren Rahmen bieten.
So wie sich unsere Körper unterscheiden, sind wir Menschen auch psychisch nicht alle gleich aufgestellt. Deshalb erlebt jede und jeder Einzelne die Elemente einer Yogastunde sehr individuell: Manche fühlen sich in großen, andere in kleinen Gruppen wohler; manch eine wird sehr gerne, mancher äußerst ungern berührt; die einen ertragen Stille kaum, die anderen genießen sie.
Wir können nicht in die Hüftpfanne oder die Psyche eines Menschen schauen, und es ist auch nicht die Aufgabe von Yogalehrenden, sich mit psychischen Belastungen und Diagnosen auszukennen. Wenn wir aber verstehen, dass nicht alle Menschen eine Yogastunde auf die gleiche Weise erleben, hilft uns das nicht nur, unsere individuelle Wahrnehmung von Situationen liebevoll und wertfrei anzunehmen, sondern auch als Yogalehrende unseren Unterricht zugänglicher zu gestalten.
Besonders wichtig wird diese Zugänglichkeit, wenn wir uns dem Thema Trauma zuwenden.

Was ist ein Trauma?
Der Begriff „Trauma“ wird in den letzten Jahren zunehmend großzügig verwendet. Er wird im Kontext so furchtbarer Ereignisse wie Krieg verwendet, aber auch für eher banale Unannehmlichkeiten im Alltag. Deshalb wollen wir zunächst klären, was ein Trauma genau ausmacht.
Bei einem Trauma handelt es sich um eine Verletzung, deren Spuren Betroffene oft sehr lange begleiten. Die erlebte Gefahr ist bei einem Trauma so groß, dass sie nicht nur mit massiven Gefühlen wie (Todes-)Angst und Hilflosigkeit einhergehen kann, sondern auch die eigenen Fähigkeiten zur Bewältigung und Verarbeitung übersteigt. Trauma entwickelt sich häufig nach einem einschneidenden Lebensereignis. Glaubenssätze wie „Das schaffe ich nicht“, „Das kann ich nicht verarbeiten“ oder „Ich kann das nicht“ lassen das erlebte Ereignis innerlich verhärten, sodass es nicht integriert werden kann.
Es entsteht eine Diskrepanz zwischen dem Selbst und der äußeren Welt – eine Trennung von sich selbst und der Gegenwart. Der Körper setzt ein klares Zeichen und teilt mit: „Was gerade passiert, ist zu intensiv. Ich habe nicht die Werkzeuge, um damit umzugehen. Es ist zu überwältigend.“
Wichtig ist, dass ein Trauma nie die belastende Situation an sich bezeichnet, sondern immer die subjektive Auswirkung auf das Individuum. Trauma bedeutet übersetzt „Wunde“, die sich auf körperlicher, mentaler und seelischer Ebene zeigen kann.
Aufgrund eines traumatischen Erlebnisses kann es zu unterschiedlichen Traumafolgestörungen kommen, die symptomatisch sehr weit gefasst sind und häufig eng mit dem Nervensystem zusammenhängen.
Was sind mögliche Lerneffekte durch traumasensibles Yoga?
• Grenzen setzen und Freundlichkeit können Hand in Hand gehen
• Weniger ist manchmal mehr
• Wir sind hier, um unseren Körper zu erforschen
• Ich muss nicht ständig die Last von jemand anderem tragen, die mir Energie raubt – ich darf loslassen
• Man braucht nicht immer etwas, um irgendwohin zu gelangen
• Weniger Reize ermöglichen mehr Wahrnehmung und Verbindung
• Aus der Perspektive meines Egos kann ich nicht immer das Beste für meinen Körper tun
• Meine Sinne wissen oft mehr als mein Verstand
• Wenn ich loslasse und meinem Körper folge, kann ich darauf vertrauen, dass alles, was auf mich zukommt, zum Besten für alle ist
Wie Yoga bei Trauma wirken kann
Die Auseinandersetzung mit Trauma zeigt, dass Yoga zahlreiche Qualitäten in sich trägt, die dem traumatischen Erleben grundlegend entgegenwirken können. Traumatische Erfahrungen sind häufig geprägt von extremer Überforderung und Ohnmacht, einer anhaltenden Dysregulation des Nervensystems, dem Verlust der Verbindung zu sich selbst und zur Gegenwart sowie einer starken Fixierung auf vergangene Ereignisse.
Yoga hingegen unterstützt das Erleben von Selbstwirksamkeit und innerer Handlungsfähigkeit, fördert Stabilität und Ausgleich im Nervensystem und lädt dazu ein, wieder in Kontakt mit sich selbst und dem gegenwärtigen Moment zu treten.
Im traumasensiblen Yoga werden diese Wirkfaktoren im Vergleich zu klassischen Yogastunden besonders bewusst und gezielt hervorgehoben. Zentrale Elemente sind dabei die Stärkung von Autonomie und Wahlfreiheit, ein klar strukturierter und sicherer Rahmen sowie eine wertfreie, nicht leistungsorientierte Praxis. Der Fokus liegt auf der achtsamen Wahrnehmung körperlicher Empfindungen und auf der Förderung von Selbstregulation, ohne die Teilnehmenden mit ihren traumatischen Erfahrungen zu konfrontieren.
Einen sicheren Yogaraum schaffen
Ein sicherer Yogaraum entsteht durch eine wertfreie, nicht urteilende Haltung sowie durch das konsequente Anbieten von Wahlmöglichkeiten und Optionen. Ein sicherer Raum beginnt außerdem bei der Lehrperson: Fühlt sich die Lehrerin selbst sicher, geerdet und präsent, überträgt sich dieses Gefühl von Sicherheit auch auf die Gruppe.
Die Teilnehmenden erhalten ausreichend Raum, die Bewegungen an ihren eigenen Körper und ihre individuellen Bedürfnisse anzupassen. Lehrende bewegen sich nicht durch die Gruppe und verzichten gänzlich auf Hands-on-Assists während des Unterrichts. Stattdessen halten sie den Raum aus einer äußeren, respektvollen Position heraus.
Im traumasensiblen Yoga dürfen festgehaltene oder blockierte Emotionen wieder in Bewegung kommen. Der Körper erhält die Erlaubnis, diese zu lösen und loszulassen. Dabei können auch unbewusste Dynamiken aus frühen Kind-Eltern-Beziehungen auftauchen. Genau deshalb ist es besonders wichtig, einen sicheren, stabilen und haltgebenden Rahmen zu schaffen und aufrechtzuerhalten.
So funktioniert eine traumasensible Yogastunde
Es ist oft das Adrenalin oder unsere gewohnten Muster, die uns antreiben, weiterzugehen oder uns ständig bewegen zu wollen. Ausladende Hüftbewegungen sowie Hand- und Fußbewegungen sind besonders sensible Bereiche und stehen häufig für ein großes emotionales „Öffnen“.
Die Bewegungen im traumasensiblen Yoga sind hingegen behutsam. Werden Bewegungen zu intensiv oder zu ausladend, beginnt der Körper, Widerstand zu leisten, und die Aufmerksamkeit richtet sich wieder stärker nach außen statt nach innen.
Ein wichtiges Werkzeug guter Yogalehrender ist daher das bewusste Arbeiten mit diesem „Tanz des Widerstands“ – dem feinen Ausbalancieren zwischen Bewegung und Zurücknahme, das echtes Spüren und tiefere Verbindung überhaupt erst ermöglicht.
Wenn Schülerinnen und Schüler sehr stark in der Vergangenheit oder im Zukünftigen verhaftet sind, sind sie nicht wirklich im Hier und Jetzt – oder sie sind zwar anwesend, funktionieren aber nur automatisch. Erst das bewusste Atmen bringt sie zurück in den gegenwärtigen Moment und wieder in den Körper.
So kann sich der Mensch zunehmend in sein eigenes Sein hineinentspannen. Denn: Um tiefer gehen zu können, müssen wir uns zuerst entspannen. Ohne Entspannung kann Heilung nicht stattfinden. Um zu heilen, müssen Spannung gelöst und Adrenalin abgebaut werden.
Fazit
Durch einen behutsamen, transparenten und ressourcenorientierten Ansatz schafft traumasensibles Yoga einen Raum, in dem Vertrauen in den eigenen Körper wachsen kann, die Verbindung zur Gegenwart gestärkt wird und schrittweise mehr innere Stabilität und Selbstermächtigung möglich werden.
Diese Yogastunden wirken wie Medizin – sie müssen sehr bewusst und achtsam eingesetzt werden. Ein reines Dehnen und Öffnen des Körpers, bis er „locker“ wird, kann sogar gefährlich sein und sowohl körperliche Verletzungen als auch psychische Instabilität nach sich ziehen.
Wenn wir jedoch unseren Körper auf behutsame Weise in möglichst vielen Bewegungsrichtungen aktivieren, werden sowohl der gesamte Körper als auch das gesamte Gehirn in Bewegung gebracht. So entsteht Vielfalt in Erfahrung und Wahrnehmung.
Wir beginnen, unsere eigenen Bewältigungsmechanismen zu erforschen, die beispielsweise lauten könnten: „Ich will das nicht fühlen, also mache ich einfach weiter.“
Indem ein Yoga-Therapeut nervensystem-informiert und orientiert mit traumabelasteten Menschen arbeitet, erhält seine Arbeit eine besondere Tiefe, von der letztlich alle profitieren.
1. Wir haben die Wahl
Wahlmöglichkeiten statt vorgegebener Yoga-Choreografien: Da es sehr zur Eigenermächtigung und zum Achten eigener Bedürfnisse beiträgt, werden im traumasensiblen Yoga immer Wahlmöglichkeiten angeboten. So können Teilnehmende selbst entscheiden, ob sie beispielsweise Haltung A oder B üben möchten, die Augen geöffnet oder geschlossen halten oder sich für Savasana hinlegen oder sitzen bleiben möchten.
2. Das Erleben von Sicherheit
Für Menschen, die Trauma erlebt haben, wird der eigene Körper nicht immer als sicherer Ort wahrgenommen. Folglich können langes, nach innen gekehrtes Sitzen, Atemübungen oder passiv gehaltene Asanas Stress oder sogar Panik auslösen.
Im traumasensiblen Yoga werden daher häufig stabile Anker im Außen gesetzt. Atemübungen werden modifiziert, und in ansonsten ruhigen Haltungen wird zu kleinen Bewegungen eingeladen.
Da Sicherheit und Vertrauen essenzielle Elemente des traumasensiblen Yoga sind, eignen sich geschlossene Kurse mit festen Teilnehmenden besonders gut. Traumasensibel arbeitende Yogalehrer werden ihre Schüler im besten Fall während der Ausführung der Posen auch nicht beobachten, da sich diese sonst in ihrer freien Bewegung gehemmt fühlen könnten.
Die Kurse beginnen häufig mit einem bewussten Moment der Stille – ohne Austausch oder Gespräche vor der Einheit – und enden ebenfalls in Stille.
3. Das Vermeiden von Extremen
Trauma geht häufig mit einer Dysregulation des Nervensystems einher. Klienten berichten oft, dass sie sich in einem Zustand ständiger Alarmbereitschaft erleben – einer hohen Anspannung, die immer wieder von tiefer Erschöpfung abgelöst wird.
Diesem Pingpong-Spiel zwischen den Extremen begegnet man im traumasensiblen Yoga mit ruhigen Sequenzen, die ausreichend Raum zum Nachspüren lassen. Auf sehr kraftvolle Vinyasa-Sequenzen oder sehr lange gehaltene Yin-Haltungen wird hingegen verzichtet.
Anstelle von „Und nun kommen wir in diese und jene Pose“ hört man in traumabasierten Yogaeinheiten eher Formulierungen wie: „Wir bereiten unseren Körper langsam auf eine kleine Veränderung vor.“
Denn hier geht es um die Bewegung an sich, um das Fühlen und Wahrnehmen – nicht um die Darbietung einer Performance.




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